Psyche

Eine Ode an die Heldin meiner Kindheit

Immer, wenn ich momentan mit dem Fahrrad durch die Stadt fahre und eine bestimmte Frau auf einem Plakat sehe, schlägt mein Herz ein bisschen höher. Ich glaube die meisten von uns hatten in ihrer Kindheit und Jugend ein oder mehrere Idole, Menschen, die weit entfernt und unerreichbar waren, die man bewunderte und denen man nacheiferte. Für mich war sie es.

Ich pflasterte meine Zimmerwänden mit ihren Bildern und kaufte sogar den jährlichen Kalender, der sie in verschiedenen Posen und Outfits zeigte. Ich fuhr im Alter von acht Jahren mit meinem Fahrrad zur Bibliothek unseres Dorfes, um mir dort ihre CDs auszuleihen und sie illegalerweise auf Kassetten zu übertragen. Ich gestaltete die Cover dieser Kassetten liebevoll und verbrachte Nachmittage damit, zusammen mit meiner damaligen Babysitterin Zeichnungen von ihr anzufertigen. Das Größte war für mich, als meine Mutter mich, als ich neun Jahre alt war, tatsächlich auf ein Konzert von ihr begleitete und ich sie endlich live sehen und hören konnte. Die neuste CD musste selbstverständlich an dem Tag, an dem sie erschien, noch erworben und jeder Song schnellstmöglich auswendig gelernt werden. Ich tanzte durch mein vollgepostertes Kinderzimmer und sang voller Inbrunst „Just Like a Pill“ und „U and Ur hand“, bevor ich auch nur die leiseste Ahnung hatte, was ich da von mir gab.

Natürlich, es ist Kommerz, es ist auch ein Image, das verkauft wird. Es ist, wie es in der Popmusik eben ist, alles durchdacht, abgestimmt und geplant. Sie füllt eine Lücke aus, sie nimmt bewusst diesen Platz im Leben junger Menschen ein. Sie zeigt dir, dass es gut ist, kein Blatt vor den Mund zu nehmen und wild und verrückt zu sein. Ich investierte mein Taschengeld in Zeitschriften, sammelte Artikel über und Bilder von meiner Ikone, blätterte nicht wenig für Konzertkarten und CDs und sogar Fanartikel hin. Ich wollte so gerne so sein wie sie.

Und obwohl ich um die Marketingstrategien und Hitkonzepte weiß, erweckt sie immer noch dieses Gefühl in mir. Sie inspiriert und provoziert, trotz allem glaube ich, dass sie eine von den guten Ikonen ist, wenn man das so sagen kann.
Sie zeigte die Irrungen und Wirrungen des Erwachsenwerdens auf. Sie machte mir klar, dass es nicht erstrebenswert ist, ein unselbstständiges Dummchen oder ein passiver Mitläufer zu sein. Sie engagierte sich für Tierrechte, sie schien trotz allem immer sie selbst zu sein, frei und unverbesserlich. Sie war auch diszipliniert, auf ihre Weise. Sie kritisierte und eckte an, konnte einstecken und austeilen. Sie wirkte authentisch, sie war eine starke Frau, eine, die für sich und andere einsteht. Wie echt auch immer ein Popstar wie sie sein mag, sie stand für mich für Optimismus und Lebensenergie, Selbstständigkeit und Ungezähmtheit. Sie sah nicht aus wie die anderen Sängerinnen und sie klang auch nicht so, sie hatte etwas Eigenes, etwas machte sie anders.
Ich bin froh, dass ich sie als mein Vorbild erwählt habe, ich hätte es deutlich schlimmer treffen können.

Nach über zehn Jahren treuem Fan-Dasein hatte ich sie fast vergessen, als sie da wieder vor mir hing. Jetzt, wo ich Vieles vielleicht rationaler sehe, wo ich mich selbst auf meinem Weg befinde, bin ich dankbar für das, was ich von ihr mitgenommen habe. Auch, wenn ich weiß, dass es nicht nur Gutes hat, eine Person so auf ein Podest zu stellen und sich derart beeinflussen zu lassen, ist sie für mich noch Inspirationsquelle und Motivator. Vermutlich werde ich mir das neue Album von P!nk kaufen. Vielleicht werde ich sogar durch mein Zimmer tanzen. Poster werde ich wohl keine mehr aufhängen.

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