Gedanken, Psyche

Das stille Glück

1. Das Meer
Schon von Weitem nimmst du es wahr, seinen Duft, seine Präsenz. Es liegt vor dir, ruhig und aufbrausend zu gleich und unendlich weit. Es existiert schon länger, als du begreifen kannst und erfindet sich jede Sekunde neu. Der feine Sand brennt unter deinen Füßen und lässt dich schneller laufen, immer weiter darauf zu. Du bist frei, so frei, du hast nichts Besseres zu tun; was könnte es auch Besseres geben? Die salzige Luft durchströmt dich und endlich bist du da. Du gibst dich ihm hin, es begrüßt dich rau und  umspült dich schließlich mit kühler Gelassenheit. Du lässt dich von ihm tragen, nimmst es mit allen deinen Sinnen wahr. Du tauchst unter, streckst dich, spürst jede Zelle deines Körpers. Du trägst das Salz auf deiner Haut nach Hause, ein stilles Andenken.

2. Die Fahrt
Tür auf, die stickige Luft schlägt dir entgegen. Es ist heiß, es fühlt sich so an, als wäre es schon immer Sommer gewesen. Als würde es für immer Sommer sein. Tür zu, neben dir wird mit einem Schlüsseldrehen der Motor gestartet. Fenster runter, auf die Autobahn, Radio ganz laut aufgedreht. Dein schiefer Gesang bringt dich selbst zum Lachen, egal, Hauptsache laut, Hauptsache lebendig. Du schließt die Augen und genießt den Fahrtwind. Es geht immer geradeaus, schneller als alle anderen, weg da, wir haben viel zu erleben! Leuchtende Wiesen und Felder ziehen an dir vorüber, du fühlst die Musik in deiner Brust, du bist dieses Lied, das Lied erzählt von dir. Von der Geschwindigkeit, der Leidenschaft, von diesem Sommer. Vom Adrenalin, das durch deine Adern strömt, als ihr nochmals beschleunigt. Den Horizont im Blick ist die Fahrt entscheidender als das Ziel.

3. Die Ungewissheit
Deine Sachen stehen seit Tagen gepackt neben deinem Bett. Du hast dir drei Wecker gestellt und bist Stunden vor dem ersten Klingeln wach. Heute ist der Tag. Ein neues Kapitel beginnt, vor dir liegt ein unbeschriebenes Blatt, nur dir überlassen. Du könntest einen neuen Namen annehmen, ein anderer Mensch sein, du spinnst herum. Am Flughafen strahlst du alle Menschen an. Es sind potentielle neue Freunde! Du wirst die Stadt erkunden, deine Stadt! Du kannst daraus machen, was du willst. Alles Schöne nimmst du mit neugierigen Augen, mit offenem Herzen in dich auf. Du wirst so viel Neues erleben, Bekanntschaften machen, Dummheiten begehen, Erinnerungen kreieren. Von hier aus ist alles möglich.

4. Der Frühling
Es ist Morgen und zum ersten Mal seit Monaten wurdest du von Vogelgezwitscher geweckt. Vor dir breitet sich ein tiefblauer Himmel aus, Sonnenstrahlen kitzeln dein Gesicht. Endlich, endlich, das Ende der grauen Tage! Eine elektrisierende Energie durchströmt dich und lässt dich jede deiner Körperzellen spüren. Dein Herz hüpft auf und ab, du kannst es nicht erwarten, loszulaufen. Du ziehst deine schönste Kleidung an, um die Sonne angemessen zu begrüßen. Es ist ein Tag für Frühstück auf dem Balkon und Spaziergänge im Park. Es ist ein Tag, der dich wie ein Kind fühlen lässt und er ist dein.

5. Die Ruhe
Du fällst aus dem Trubel heraus und landest in einer Seifenblase; Geräusche sind gedämpft, nichts dringt mehr zu dir durch. Du atmest den Duft von Lavendel, schließt die Augen, lehnst dich zurück in weiche Kissen. Der Tee wärmt dich von innen und Ruhe breitet sich in dir aus. Nichts mehr tun, leisten, erklären müssen. Für den Moment die Stille genießen und wissen, dass das alles ist, was gerade zählt. Zum ersten Mal innehalten und zu Atem kommen. Sich zurückziehen und vielleicht auch die Decke über den Kopf; die Augen schließen und spüren, wie sich der Herzschlag wieder verlangsamt. Bei dir sein und bleiben, alles andere aussperren, ankommen.

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