Gedanken, Psyche

Wider den Selbstverbesserungszwang!

Persönlichkeitsentwicklung ist so angesagt wie nie. Im allgemeinen Sprachgebrauch bezeichnet das Wort persönliches geistiges Wachstum. Auch das klingt noch ziemlich abstrakt. Grundsätzlich soll uns Persönlichkeitsentwicklung irgendwie „besser“, reflektierter, organisierter, disziplinierter, erfolgreicher machen. Um dieses Ziel zu erreichen, stehen zahlreiche Methoden, Tipps und Übungen zur Verfügung.
Auch ich bin – auch, wenn die Überschrift dieses Artikels anderes vermuten lassen könnte – diesem „Trend“ verfallen; lese Bücher, die mir helfen sollen, meinen persönlichen und beruflichen Weg zu finden und schaue mir Videos an, in denen komplizierte Systeme zur Organisation des Alltags entworfen werden. Egal ob es um die Steigerung der Produktivität oder der Kreativität geht, alle Social Media Algorithmen wissen Bescheid: Sie steht auf diesen Kram, geben wir ihr mehr davon. Noch ein Kurs zur Verbesserung des Umgangs mit Emotionen, ein weiterer Beziehungsratgeber oder motivierender TED-Talk. Persönlichkeitsentwicklung ist auch ein Markt. Das Geschäft mit Coaching-Angeboten boomt und sie alle versprechen uns, uns endlich zu der Persönlichkeit zu machen, die wir wirklich sind. Wir sollen beliebt und erfolgreich werden und das am besten über Nacht oder zumindest innerhalb weniger Wochen.

Aber grundsätzlich bedarf es keiner teuren Kurse oder Beratungen. Auch ohne das alles hat sich durch Persönlichkeitsentwicklung einiges in meinem Leben verändert. Durch Meditation kann ich schneller und leichter zur Ruhe kommen, wenn ich mich schlecht fühle, hilft mir journaling (auch einfach Tagebuch schreiben genannt), meine Gefühle und Gedanken zu ordnen. Diesen Artikel habe ich überhaupt erst angefangen zu schreiben, weil ich es als Termin in meinem Bullet Journal vermerkt habe. In ebenjenem finden sich auch zahlreiche „Habit Tracker“, anhand derer ich vermerken kann, ob ich genug geschlafen und mindestens zwei Liter Wasser getrunken habe. Bestimmte Tools können meiner Meinung nach jedem helfen, gelassener und weniger antriebslos zu werden und eine gewisse Reflektion der eigenen Emotionen kann ganz bestimmt nicht schaden.
Dennoch frage ich mich des Öfteren: wann ist das alles genug? Wann schlägt das Zünglein an der Waage aus und aus einem spielerischen Hinterfragen und Verbessern von Gewohnheiten und Abläufen wird ein Optimierungszwang? Muss ich aus jeder Minute das Maximum herausholen und selbst in Entspannungsphasen noch unterschwellig an mir arbeiten?

Muss ich nicht. Ich habe gemerkt, dass ich einfach besser entspannen kann, wenn ich einen kitschigen, unkomplizierten Roman lese anstatt des x-ten Buches über Persönlichkeitsentwicklung. Als Perfektionistin ist es wichtig für mich zu lernen: zu zweit oder alleine auf dem Sofa liegen und Schokolade essen ist ok. Nicht alles durchzuplanen oder Pläne über den Haufen zu werfen auch. Außerdem lässt sich das Ganze ja auch aus einem anderen Blickwinkel betrachten: Ich entwickle meine Persönlichkeit auch dadurch, dass ich lerne zufrieden zu sein mit dem, was ist, auf meinen Körper höre und eben nicht immer nach Perfektionismus strebe. Tools zur Persönlichkeitsentwicklung können hilfreich sein, jedes einzelne davon in den Alltag integrieren zu wollen bedeutet Stress. Für mich ist Persönlichkeitsentwicklung, wie eigentlich alles, eine Frage der Balance und etwas, das seinen Reiz nur behält, wenn man es nicht allzu ernst nimmt.

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