Gedanken, Psyche

Was ich von meiner hypothalamischen Amenorrhoe gelernt habe

Womöglich denkst du dir beim Lesen dieses Titels „Sie hat etwas von … was bitte gelernt?!“ Wenn ihr selbst darunter leidet, wisst ihr aber wahrscheinlich genau was ich meine: bei der hypothalamischen Amenorrhoe (HA) handelt es sich um ein Ausbleiben der Regelblutung für mindestens drei aufeinanderfolgende Zyklen. Sie ist dadurch bedingt, dass der Hypothalamus nicht genug von einem bestimmten Hormon (GnRH) freisetzt und es infolgedessen nicht zur Ovulation kommt.

Ausgelöst wird diese Kondition durch zu viel Sport, zu wenig Nahrung und generellen Stress. Der Körper gerät in eine Art Energiedefizit und fährt nicht überlebensnotwendige Systeme (wie unser Fortpflanzungssystem) herunter, damit genug Energie für alle notwendigen Funktionen verwendet werden kann. Eigentlich ganz schön schlau; jedoch kann sich der Mangel an Östrogen und anderen Hormonen negativ auf die Knochendichte und sogar auf unser Herz-Kreislauf-System auswirken. Wenn es nicht zur Ovulation kommt, kann natürlich auch keine Befruchtung einer Eizelle stattfinden und es nicht zu einer Schwangerschaft kommen. HA wird außerdem oft von Symptomen wie ständigem Frieren und Libidoverlust begleitet.

Obwohl die HA oft bei Mädchen oder Frauen im „untergewichtigen“ BMI-Bereich auftritt, spielt das Gewicht bei der Diagnose keine Rolle. Auch „übergewichtige“ Frauen, die beispielsweise exzessiv Sport treiben, können an HA leiden.
In fast jedem Fall kann diese hormonelle Fehlfunktion allerdings wieder behoben werden. Dafür muss aber etwas getan werden: das Sportprogramm herunterfahren oder eine komplette Trainingspause einlegen, mehr Energie zu sich nehmen und Maßnahmen gegen den Alltagsstress ergreifen. Viel und guter Schlaf ist ebenfalls wichtig.
In diesem Beitrag möchte ich nicht im Detail erklären, was bei einer HA im Körper vor sich geht, sondern auf ein paar hilfreiche „Mindset Shifts“ aufmerksam machen. Mehr zur HA, ihren Symptomen, Risiken und was du tun kannst, um sie zu überwinden, kannst du hier oder hier (auf Englisch) nachlesen.

Meine Blutung, die schon einige Monate vorher nur unregelmäßig kam, setzte komplett aus, als ich im März 2017 mit der Vorbereitung für das erste juristische Staatsexamen begann und blieb ab dann (mit einer Ausnahme) für knapp drei Jahre aus. Ich kann noch nicht sagen, dass ich meine HA komplett geheilt habe, aber ich habe seit Mai 2019 viele Veränderungen meines Lebensstils vorgenommen und vor ein paar Tagen zum ersten Mal seit langer Zeit eine natürliche Blutung bekommen. Wenn Interesse besteht, schreibe ich euch gerne meine ganze Geschichte dazu auf und ich bin auch immer gerne bereit, mich darüber auszutauschen.
Auch, wenn mir die HA viele Sorgen beschert hat, glaube ich doch auch immer, dass alles einen gewissen Sinn hat. In diesem Fall fällt es mir nicht schwer, diesen zu erkennen. Ich glaube ohne meine HA hätte ich meine obsessiven Verhaltensweisen niemals (so schnell) loslassen können. Auch, wenn es nicht immer einfach war, habe ich einiges lernen dürfen. Unter anderem diese Dinge:

1. Hör auf deinen Körper.
Es mag Spezialfälle geben, in denen, das nur beschränkt möglich ist und die von einem Arzt abgeklärt und betreut werden sollten. Und nein, mit „hör auf deinen Körper“ meine ich auch nicht „iss nur noch Junk Food und bewege dich nie wieder, wenn auf dem Sofa liegen angenehmer für dich ist“. Was ich meine, ist: Wenn dein Körper dir signalisiert, dass du Hunger hast, solltest du wahrscheinlich etwas essen. Wenn du abends müde bist, ist es mehr als in Ordnung, nicht mehr ins Gym oder zum Lauftreff zu rennen. Vielleicht solltest du einfach etwas früher schlafen gehen.
Wenn du deinem Körper generell genug Nährstoffe lieferst, wird er an manchen Tagen einfach Lust auf Bewegung haben. An manchen aber auch auf ein Stück Kuchen. Und das ist okay.

2. Du musst nicht immer zu allem ja sagen.
Schon als ich klein war hat mir meine Mutter mindestens wöchentlich gesagt, dass ich nicht „auf allen Hochzeiten gleichzeitig tanzen“ könne. Dabei wollte ich so gerne alles mitmachen, FOMO war quasi eine meiner Charaktereigenschaften. Folglich war ich auch in den letzten Jahren ständig unterwegs, hatte verschiedenste Jobs und Verabredungen abzusagen wäre mir nie in den Sinn gekommen. Ich war stolz darauf, dass ich während der Examensvorbereitung eine Zeit lang auch noch arbeiten ging und für einen Marathon trainierte. Irgendwann zeigte mir mein Körper deutlich, dass es jetzt genug war. Ich weiß nun, dass es für mich essentiell ist, zumindest einen Abend in der Woche alleine mit einem Buch oder Film im Bett zu verbringen, um mein Akku wieder aufzuladen. Die Angst, etwas zu verpassen ist immer noch da, aber mir fällt es inzwischen leichter, auch mal nein zu Terminen und Verabredungen zu sagen, wenn mir alles zu viel wird. Dann bin ich auch am nächsten Tag viel aufnahmefähiger und fitter. 🙂

3. A little meditation goes a long way.
Meditation praktiziere ich seit längerer Zeit mehr oder weniger regelmäßig und ich habe das Gefühl, ich preise es in jedem meiner Posts an. Für mich ist Meditation das ultimative Tool zur Stressbewältigung und Entschleunigung. Auf Dauer werde ich dadurch ruhiger und gelassener und kann meine Ungeduld ein wenig besser im Zaum halten. In stressigen Zeiten finde ich es besonders schwer, mir Zeit zum Meditieren zu nehmen, aber gerade dann ist es besonders hilfreich.
Ich nutze am liebsten die App „Insight Timer“, die geführte Meditationen wie auch eben einen Timer beinhaltet. „Headspace“ kann ich ebenfalls empfehlen.
Es muss aber nicht immer eine klassische Meditation im Sitzen sein. Ein Spaziergang in der Natur kann auch sehr meditativ sein!

4. Your body is the least interesting thing about you.
Ich war die schlanke, sich vegan ernährende Läuferin. Dieses Bild entsprach quasi meiner Identität. Ich kann es nicht anders sagen, ich war stolz auf meinen Körper, auf meine Muskeln und meinen flachen Bauch. Aber war und ist mein Aussehen der Grund, dass meine Freunde und mein Freund mich mögen? Sicher nicht.
Wir mögen uns oft über Äußerlichkeiten definieren, aber die machen uns nicht aus. Was bleibt von dir, wenn du dein Äußeres komplett ausblendest?
Dein Humor, deine Talente, deine Neugier, dein Mut, deine Freundlichkeit. Wir sind mehr als das, was wir nach außen tragen. Tatsächlich ist dein Körper für die meisten anderen Menschen höchst uninteressant! Es ist so wichtig, eine Identität zu haben, die unabhängig von vergänglichen Äußerlichkeiten ist und sich nicht nur über letztere zu definieren.

Außerdem kannst du in der Zeit, die du nicht mehr beim Sport verbringst, neue Hobbies entdecken: wie wär’s mit einem Sprach- oder Malkurs oder etwas Freiwilligenarbeit? Ich habe in der Zeit, in der ich mich aktiv von meiner HA erholen wollte, ab und zu noch Sport gemacht, weil ich es einfach gerne mag, aber ich habe mein Sportprogramm definitiv extrem zurückgefahren. Jetzt organisiere ich soziale Events, schreibe und bastle mehr und habe mehr Zeit für Freunde. 🙂

5. „Gesund“ ist relativ.
Ich dachte immer, ich wüsste, was gut und gesund für mich ist. Wenn meine Familie im Urlaub morgens Croissants aß, gab es für mich Haferflocken mit Banane. Etwas Süßes aß ich höchstens mal am Wochenende und auch nie zu viel davon. Wenn meine Freunde sich nachmittags einen Snack kauften, hielt ich mich zurück, auch, wenn ich Hunger hatte. Ich dachte eine Zeit lang, Milchprodukte würden mich unweigerlich fett oder krank machen. Dabei waren mein Verhalten und mein Zustand selbst zu dieser Zeit alles andere als gesund. Ich schlief nicht gut und war oft schlecht gelaunt. Das Kalorienzählen stresste mich. Durch meine obst- und gemüselastige Ernährung bekam ich nicht genug Energie für die langen Läufe, die ich absolvierte.
Klar, Obst und Gemüse sind gesund für diejenigen, die sie vertragen. Für mich wäre es aber gesünder gewesen, eine große Portion Nudeln zu essen, um meine Energiereserven wieder aufzufüllen. Es wäre gesund für meinen mentalen Zustand gewesen, ein Stück Kuchen zu essen. Sich „gesund“ zu ernähren bedeutet nicht, nie wieder Schokolade anzurühren. Gesundes Essen ist für jeden unterschiedlich. In jedem Fall ist es gesund, genug und ausgewogen zu essen.

6. Lass dein Sozialleben nicht unter deinem „gesunden Lebensstil“ leiden.
Während der Vorbereitung für das erste juristische Staatsexamen beschränkte sich mein Sozialleben größtenteils auf Mensadates, gemeinsames Sport machen am Abend und sonntägliche Ausflüge mit meinem Freund. Das klingt ja zuerst mal nicht so ganz verkehrt. Jedoch konnte ich nicht oder nur schlecht spontan sein und abends weggehen ging mal gar nicht: Alkohol wäre schlecht für meine Figur und meine sportliche Performance. Außerdem musste ich ja am nächsten Tag fit sein um entweder zu lernen oder zu trainieren. Und so war ich immer die erste, die von Parties nach Hause ging, wenn ich denn überhaupt auftauchte.
Zugegebenermaßen bin ich immer noch überhaupt kein Nachtmensch, aber ich würde nicht mehr aus Angst vor den enthaltenen Kalorien auf ein Glas Wein oder ein Stück Geburtstagskuchen verzichten. Auch bin ich in meiner Freizeitgestaltung flexibler geworden, weil der 20-Kilometer-Lauf am Sonntagmorgen einfach kein Muss mehr ist.

7. Du musst dir dein Essen nicht verdienen.
Obwohl ich mich eigentlich nicht besonders gerne mit Mathematik befasse, liefen in den letzten Jahren ständig mehr oder weniger komplizierte Rechenvorgänge in meinem Kopf ab. Was ist mein Grundumsatz? Wie viel Gramm Reis kann ich essen, damit ich mein Tagesmaximum nicht überschreite? Wie lange muss ich laufen gehen, um den Donut wieder abzutrainieren? Es war anstrengend. Außerdem nahm es mir die Verbindung zu meiner Intuition. Waren für den Tag noch Kalorien „übrig“, konnte ich ja ruhig noch etwas essen, auch, wenn ich das sonst nicht unbedingt getan hätte. Eine bestimmte Zahl durfte aber partout nicht überschritten werden, ob ich nun noch Hunger hatte oder nicht. Dabei sind unsere Bedürfnisse nicht jeden Tag gleich. Unser Körper ist keine Maschine, die immer denselben Input benötigt und den selben Output liefern kann.
Was genauso wichtig ist: Sport muss kein Mittel zur Kalorienverbrennung sein, Sport kann und soll Spaß machen. Und was und wie viel wir essen, sollte nicht von unserem absolvierten Sportprogramm abhängen, sondern von unserem Hunger (der natürlich von Sport beeinflusst werden kann). Du hast es auch dann verdient, zu Abend zu essen, wenn du den ganzen Tag keinen Schritt getan hast!

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