Gedanken, Psyche

Eine klassische Hassliebe

Egal, wo ich bin, du bist dabei. Ohne dich fehlt etwas. Nicht selten bist du mein Bindeglied zur Gesellschaft; du vermittelst mir Treffen und Informationen, durch dich erhalte ich Bestätigung.

Du bist immer up to date, sagst mir, was Sache ist. Nie vorwurfsvoll, aber doch oft penetrant: Nachrichten über Nachrichten bist du niemals still. Solltest du doch mal schweigen, so wird die Ruhephase kurz darauf durch noch mehr Geplapper wettgemacht.

Manchmal sprichst du mit der Stimme meiner besten Freundin zu mir, dann wieder im blechernen Befehlston. Du schreist mich morgens aus dem Bett und summst mir süße Lieder ins Ohr. Du bist Briefträger und Entertainer, mal ernst und mahnend, mal unterhaltsam. Du fängst Momente für mich ein, löst Glücks- und Neidgefühle aus.

Auch, wenn du keine Schönheit bist mit deinen Kratzern und Makeln, ziehst du meinen Blick öfter auf dich, als mir lieb ist. Schon morgens werde ich in deinen Bann gezogen und lasse mich zu schnell von dir um den Finger wickeln.

Ohne dich bin ich ruhiger und gelassener – aber ganz auf dich verzichten kann ich nicht. Ich hab dich ein- und ausgesperrt, um ein wenig Ruhe zu haben, doch zu oft wandern meine Gedanken zurück zu dir. Was du mir wohl jetzt gerade zu sagen hast?

Erst, wenn ich dich für eine Weile aus meinem Kopf verbannt habe, merke ich, dass du mir auf Dauer nicht gut tust. Viel zu häufig lenkst du mich von dem ab, was gerade wirklich wichtig ist, machst mich unaufmerksam und fahrig.

So ganz geheuer bist du mir auch nicht. Ob du mir manchmal zuhörst? Du bist nicht autonom, etwas in dir treibt dich an; etwas, das sich meinen Kenntnissen entzieht.

So oder so, das hier ist kein Abschiedsbrief, aber auch keine Liebeserklärung: es ist eine klassische Hassliebe, die mich mit meinem Handy verbindet.

2 Gedanken zu „Eine klassische Hassliebe“

  1. Schön geschrieben und geht mir oft genauso. Kann großartige Dinge erledigen und mir ein nützlicher Helfer sein, kann super schnell in sinnlosen Brei abgleiten und vom Leben ablenken. Abgeben will ich es aber auch nicht…

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