Gedanken, Psyche

Am I Being Realistic or Am I Killing Opportunities?

Ich würde mich als Realistin bezeichnen. Ich würde außerdem behaupten, eine gesunde Portion Skepsis gegenüber all zu unwahrscheinlichen Versprechungen und hohen Zielen zu besitzen. Nur frage ich mich mittlerweile manchmal, ob diese Skepsis wirklich so „gesund“ ist, oder ob sie mich und meine Träume kleiner hält als notwendig. Ob sie vielleicht ein Ergebnis meiner kindheitlichen Prägungen ist, von den Spatzen in der Hand, die gegenüber Tauben auf Dächern immer bevorzugt wurden.

Ich habe das Gefühl, zwischen zwei Extremen zu stehen: die eine Seite ruft mir stetig zu, dass ich ja bloß meinen Traum leben solle, dass das einzige, was mich aufhält, meine eigenen Gedanken sind. Auf der anderen Seite höre ich von Bekannten, die, besonders in der jetzigen Situation, beruflich vielleicht lieber auf Nummer sicher gegangen wären. Ich werde an die Menschen erinnert, deren hohes Streben unglücklich endete. Manchmal denke ich, dass mein Realismus und ein gewisses Maß an Sicherheitsbewusstsein mich schützt und mir ein angenehmes Leben ermöglicht. Manchmal habe ich das Gefühl, dass er mich bremst. Dass er einen Schutzmechanismus darstellt, der Fehler und Verletzungen verhindern soll, aber auch meine Möglichkeiten einschränkt.

Bei meinem letzten Freiwilligenjob sollten wir uns Gedanken über die räumliche Zukunft der Organisation machen. Allerdings war es bei dieser Übung wichtig, seinen Gedanken uneingeschränkt freien Lauf zu lassen, nicht darüber nachzudenken, was möglich oder unmöglich wäre, sondern groß zu träumen. Am Ende stellten wir alle wunderschöne Raumkonzepte vor, die sich teilweise erstaunlich ähnlich waren. Manche beinhalteten Studios für Künstler, andere Werkstätten, viele ein Café oder einen größeren Garten und Wohnungen für Mitarbeiter*innen oder Menschen in Not.

Auch, wenn sich die Vorschläge allesamt fantastisch anhörten, war ich was die Umsetzung betraf skeptisch. Für mich war die Übung ein schönes Gedankenspiel, hatte mit der Realität jedoch nicht viel zu tun. Unsere Teamleiterin sah das ganz anders. Bei ihrem nächsten Treffen mit Sponsoren sprach sie über unsere Ideen. Wie es aussah waren die begeistert und die Organisation wird demnächst neue Räumlichkeiten anmieten.

Mit dieser kleinen Geschichte will ich mir größtenteils selbst Mut machen. Ich will damit verdeutlichen, dass nicht jede Idee, die auf den ersten Blick eine Nummer zu groß wirkt, direkt über den Haufen geworfen werden muss. Dass es oft besser ist, etwas zu versuchen, als später zu bereuen, es nicht getan zu haben. Ich denke auch, dass die persönliche Ausgangsposition und das Umfeld, in dem wir aufgewachsen sind hier eine große Rolle spielen. Vielleicht war (vermeintliche) Sicherheit in unserer Kindheit Mangelware, weshalb wir uns als Erwachsene umso mehr daran klammern. Vielleicht wurde uns auch einfach nur ständig erzählt, wie viele auf ihrem Weg gescheitert sind und wie wir es „besser“ machen können.

Die Realität nicht vollkommen aus den Augen zu verlieren und zu versuchen, Ergebnisse teilweise im Voraus einzuschätzen, macht Sinn. Das Wort „unmöglich“ dennoch aus seinen Gedanken und seinem Wortschatz zu streichen, auch.

5 Gedanken zu „Am I Being Realistic or Am I Killing Opportunities?“

  1. Für mich wirkt das Abwägen und mal mehr auf der einen und dann auf der anderen Seite zu stehen eigentlich auch als eine gesunde Mischung.
    Du wirkst auf mich gar nicht einfach so als Realist und Sicherheitsdenkende. Immerhin hast Du Dir sehr umfangreich und tiefgründig Gedanken darüber gemacht und auch auf die andere Seite gespäht und hinein gefühlt.
    Manchmal hat es auch etwas mit der Fremd- und der Eigenwahrnehmung zu tun. Frage doch mal, wie Du auf andere in Deinem Handeln wirkst.
    Aber das alles sind natürlich jetzt hier nur meine Eindrücke und Dir sind halt „auch nur“ aufgrund Deines Textes entstanden.
    Liebe Grüße für Dich, Kaya

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    1. Hi Kaya, sorry für die späte Antwort!
      Du hast schon recht, eine Mischung ist wohl wirklich nicht so schlecht. Ich glaube man sollte die Gedanken und Möglichkeiten, die einem unrealistisch vorkommen, nur nicht von vornherein ausschließen, sondern einfach mal weiterspinnen. 🙂
      Das Ganze aus der Fremdwahrnehmung zu betrachten ist auch eine spannende Idee, auf die ich so nicht gekommen wäre.
      Liebe Grüße zurück!

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      1. Hm, doch die Fremdwahrnehmung wird mir meistens erst dann so wirklich klar, wenn mir jemand anderes diese schildert… Ansonsten natürlich eine durchaus gute Folgerung. Es gibt schließlich von allem und zu allem immer mehrere Betrachtungsweisen … 🙂

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