Gedanken, Psyche

Die Zeit vergeht immer schneller – was tun?

Weißt du noch, wie lange die Sommerferien waren, als du ein Kind warst? Wie unendlich sich die ersehnten sechs Wochen vor einem erstreckten? Weißt du noch, wie lange ein einzelner Nachmittag sein konnte? Wieviele Abenteuer innerhalb weniger Stunden erlebt werden konnten, wie viel Neues zu entdecken war?

Verglichen mit meiner Kindheit vergeht die Zeit mit Mitte zwanzig schon ziemlich schnell, wie ich finde. Mein Großvater – stolze 90 Jahre alt – bestätigte mir auf meine Nachfrage hin, dass die Zeit im Laufe des Lebens immer schneller zu vergehen scheint. Dass sie mit 70 noch schneller vergehe als mit 50 und mit 90 wiederum schneller als mit 70. Viele Menschen sind sich diesbezüglich einig: je älter wir werden, desto mehr rast die Zeit dahin. Obwohl diese Wahrnehmung natürlich subjektiv ist, wirkt ihre weite Verbreitung relativ beunruhigend. Schließlich ist Zeit eine der wichtigsten Ressourcen, die wir haben.

Die zwei Dimensionen der Zeit

Bei den alten Griechen gab es zwei Götter der Zeit: Chronos und Kairos. Chronos stand für die gleichmäßig vergehende Zeit, das quantitative Zeitempfinden. Die Zeit, die wir mit der Uhr messen können. Kairos hingegen stand für den rechten Augenblick, für das qualitative Zeitempfinden und für all die Gelegenheiten, die der aktuelle Moment hergibt. Er trägt Flügel an den Fersen, eine kreisrunde Glatze auf dem Hinterkopf und am vorderen Haaransatz eine lange Locke. Deshalb prägte Kairos auch das Sprichwort „die Gelegenheit beim Schopfe packen“.

Und jetzt ratet mal, auf welche Dimension der Zeit wir uns heute versteift haben. Wir leben in enger Verbundenheit mit Chronos, tragen vielleicht sogar ein Andenken an ihn in Form eines Chronographen (das ist einfach nur eine Uhr mit Stoppfunktion) am Handgelenk. Dabei wissen wir doch alle auch um die subjektive Dimension der Zeit: Minuten im Wartezimmer kommen uns vor wie Stunden, eine spannende Unterhaltung geht oft viel zu schnell vorüber. Dafür ist diese in der Erinnerung meist viel präsenter.

Warum scheint die Zeit immer schneller zu vergehen?

Auf diese Frage fand ich eine Antwort, die mir immer wieder ins Auge sprang: weil wir, wenn wir jünger sind, mehr Neues erleben. Unsere Umgebung verändert sich häufiger, wir lernen, reisen an neue Orte, treffen unterschiedliche Menschen. Als Kind ist alles groß, neu, aufregend. Und diese spannenden, neuen Momente wirken in der Erinnerung einfach sehr präsent und intensiv. Handlungsroutinen hingegen lassen das Erlebte deutlich kürzer wirken – wiederholte Abläufe sind einfach nicht so erinnernswert. Auch Stress und Ablenkung beschleunigen das empfundene Verstreichen der Zeit.

Grundsätzlich müssen wir aber zwischen der Erinnerung und dem aktuellen Moment unterscheiden: wenn ältere Menschen auf ihr gesamtes Leben zurückblicken, kommt es ihnen meist so vor, als hätte sich der Zeitverlauf seit ihrer Kindheit immer mehr beschleunigt. Kürzere Zeitspannen nehmen Ältere und Jüngere ungefähr gleich wahr. Während spannende Aktivitäten die Zeit im jeweiligen Moment schnell vergehen lassen, verändert sich das Zeitempfinden in der Retrospektive und die so verbrachte Zeit erscheint uns viel ausgedehnter.

Ein weiterer Grund dafür, dass die Zeit immer schneller zu vergehen scheint, könnte sein, dass die Relation zwischen Lebenszeit und „erinnerter“ Zeit sich verändert. Mit 10 macht ein Jahr noch ein Zehntel unseres Lebens aus, mit 60 nur ein Sechzigstel. Deshalb könnte uns ein Jahr im Alter rückblickend kürzer erscheinen.

Wie können wir die Zeit subjektiv verlangsamen?

Diese Erkenntnis führt direkt zu einem ziemlich guten Rezept gegen die fortlaufende Beschleunigung der Zeit. Dinge zum ersten Mal zu tun, egal wie alt wir sind, macht unsere Erinnerungen ausgedehnter und zudem einfach auch deutlich bunter.

Außerdem hilft es, sich vor Augen zu halten, was wir am jeweiligen Tag oder in der jeweiligen Woche tatsächlich alles erlebt und getan haben. Denn meist ist das mehr, als uns im ersten Moment einfällt – und auf einmal kommt einem die Woche doch wieder relativ lang vor.

Eine ganz große Empfehlung meinerseits zur subjektiven Verlangsamung der Zeit ist es auch, seltener auf’s Handy zu schauen. Ich habe hierzu zwar keine Studie parat, aber wenn ich versuche, jeden Moment mit Informationen und scheinbarer Produktivität zu füllen, dann nimmt das meinem Tag sehr viel an Intensität. Grundsätzlich halte ich mir – auch, wenn das vielleicht etwas abschreckend klingt – gerne die Endlichkeit meines Daseins vor Augen. Dadurch bekomme ich automatisch Lust, Neues auszuprobieren und bin umso dankbarer für die Momente, die ich erleben darf.

Ich glaube, ich mache eine Challenge aus dieser Erkenntnis: einen Monat lang jeden Tag etwas Neues tun. Auch Kleinigkeiten wie ein neuer Weg zur Arbeit oder kochen nach einem neuen Rezept zählen! Ich werde berichten. 🙂

11 Gedanken zu „Die Zeit vergeht immer schneller – was tun?“

  1. Ja, es spielt sicherlich auch eine Rolle, dass wir gefühlt stänmdig im Stress sind. Wir müssen dies und das machen und dazu dann noch dazu der Druck der sozialen Medien, welche das Gefühl vermitteln immer erreichbar zu sein.

    Der Vorsatz jeden Tag etwas Neues zu machen, ist gut. Schreibe ruhig mal ein Tagebuch dadrüber und reflektiere deine Erfahrung.

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      1. Ach, nur Kleinigkeiten: mal in der Mittagspause was anderes gemacht, einer Obdachlosen was zu essen gekauft, neue Orte besucht. Was aber auch nicht so schwer ist, weil ich sowieso grad einen neuen Job in einer neuen Stadt angefangen habe. 😀 Auf dem Plan ist aber auch mal sowas wie Ballett auszuprobieren. 🙂

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      2. Ja, das klingt spannend. Was ich ganz gern mache, ist sehr viel lesen. Das bildet und man bekommt auch immer wieder einen neuen Blickwinkel.

        Leider ist aktuell Corona, sodass die Freizeitangebote doch erheblich eingeschränkt sind.

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  2. Liebe Helen,
    interessant, gestern habe ich mich mit meiner Mutter über das Phänomen geredet, dass die Zeit im Leben immer schneller zu vergehen scheint. Ich stimme dir absolut zu, was die Technik angeht! Allein die Tatsache, dass auf Handy, iPad und Co. immer die Uhrzeit in der Ecke prangt. Ich habe es jetzt so eingestellt, dass ich nur noch eine Stunde z. B. auf Instagram pro Tag verbringen möchte. Da kann man auch einen Timer einstellen, sodass einen die App nach Erreichen der Zeit daran erinnert. Klingt zwar so, als ob ich selbst zu blöd dafür bin. 😉 Aber so kleine Hilfen kann man ruhig dafür in Anspruch nehmen, um wieder subjektiv mehr Zeit im Alltag zu haben.

    Liebe Grüße
    Alina

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    1. Hi liebe Alina,
      ich find gar nicht, dass das so klingt, als wärst du selbst zu blöd 😀 diese Apps sind ja auch so designt, dass man immer weiterscrollen will und sind damit ziemlich erfolgreich… ich hoffe durch den Timer hast du ein bisschen mehr Zeit für schöne Dinge. 🙂
      Liebe Grüße zurück!

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  3. Also ich hatte auch schon häufig die Frage im Kopf warum Zeit subjektiv im Alter schneller vergeht. Das liegt bestimmt auch an der Gesundheit. Und an der Freude. Und der Unvoreingenommenheit. Gesundheit: als Kind oder Jugendlicher ist man fit, selten krank oder schlapp. Das beeinflusst das Zeitempfinden bzw. das Empfinden für die Vorgänge um uns herum. Wem es schlecht geht, der hat den Fokus auf sich. Kannst du dich noch erinnern, als du Kind warst und dich unvoreingenommen über Dinge gefreut hast ? Das verstärkt das Momentempfinden. Und fokussiert auf den Moment. Mit fortschreitendem Alter ändert sich der Fokus vom Moment auf den Verlauf, auf das vorausschauende Denken. Mit dem Bewusstsein für nach dem aktuellen Moment existente Folgemomente ändert sich auch die Wahrnehmung von Zeit

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    1. Stimmt, das ist ein guter Punkt. Als kleineres Kind hat man ja gar nicht die Fähigkeit, viel vorauszuplanen, als Jugendliche/r lehnt man es vielleicht sogar ab oder hält es einfach nicht für notwendig.
      Danke für deinen Kommentar! 🙂

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