Gedanken, Persönliches

Me vs. 40-Stunden-Woche

Seit knapp vier Wochen arbeite ich 40 Stunden in der Woche, Montag bis Freitag, so ziemlich 9 to 5. Und seit knapp vier Wochen habe ich es beim besten Willen nicht geschafft, regelmäßig einmal die Woche zu bloggen. Zufall? Wohl eher nicht.

Auch vorher habe ich nicht das klischeemäßige Student*innenleben – feiern bis um 4 und dann schlafen bis um 12, Vorlesung von 14 bis 16 Uhr – gelebt. Nicht ein Semester. Und ja, ich wurde vor dem Arbeitsleben gewarnt. Dass man müde sei nach der Arbeit wurde mir gesagt, und dass man zu nichts mehr komme. Das kann ich nur teilweise bestätigen. Meine Erfahrungen im Übergang zwischen Studium und Beruf habe ich euch hier zusammengeschrieben.

1. Ich hatte weniger Zeit.

Dass es schwer werden würde, neben der Arbeit vielen Hobbys nachzugehen konnte und wollte ich nicht wahrhaben. Wie um den Leuten zu beweisen, dass es auch anders geht, war ich deshalb viel unterwegs. Habe neue Bekanntschaften gemacht, regelmäßig gebouldert und zu viel Geld in Restaurants ausgegeben. Vieles, was ich geplant hatte, konnte ich trotzdem nicht umsetzen. Der Spanischkurs fiel – mal wieder – hintenrunter, das Schreiben und das ehrenamtliche Engagement wurden auch ein wenig vernachlässigt. Yoga habe ich lange nicht gemacht und an Meditation taste ich mich gerade wieder heran.

Mehr als zuvor verstehe ich jetzt, wie wichtig es ist, sich gut zu organisieren. Vor allem, weil ich nicht dazu bereit bin, am Schlaf zu sparen. Und – großes Thema für mich – dass ich nicht alles auf einmal machen kann. So oder so halte ich den typischen 8-Stunden-Tag allerdings nicht immer für sinnvoll. Mir fehlt es gerade noch sehr, je nach Energielevel länger oder kürzer arbeiten zu können, wie das während des Studiums möglich war.

2. Gesunde Ernährung wurde ein bisschen tricky.

Es ist mir ziemlich wichtig, mich ausgewogen zu ernähren. Obst, Gemüse, Vollkornprodukte, eigentlich wissen wir ja alle, wie das geht. Und bisher klappte das auch immer ziemlich unproblematisch und es viel mir schwer, die Vorbehalte anderer zu verstehen. Bisher hat mein Freund aber auch ziemlich viel und gut für uns gekocht. Jetzt musste ich vorausplanen und Essen mit auf die Arbeit nehmen. Und selbst kochen. Ich kann das durchaus, finde es für eine Person aber oft mühselig.

Deshalb gab es in den letzten Wochen so viele Falafeltaschen wie schon lange nicht mehr, außerdem unzählige Brötchen und nach Studentinnenmanier Nudeln mit Pesto um 10 Uhr abends. So ganz den Bach runtergegangen ist meine Ernährung aber doch nicht, wozu mein Ofen und Hülsenfrüchte aus der Dose einen ziemlich großen Beitrag geleistet haben. Jetzt verstehe ich allerdings besser, dass eine frisch gekochte Mahlzeit nicht immer für jede*n drin ist.

3. Ich hab‘ mich gefreut, abends mal meine Ruhe zu haben.

Das Unvermeidbare ist leider doch ein wenig eingetreten: Ich habe nach der Arbeit auch gerne einfach mal zuhause entspannt. Katastrophe, ich weiß. Vor ein paar Tagen war ich so fertig mit der Welt, dass ich mir einfach nur eine riesige Pizza bestellt und mich mit meinem Buch ins Bett gelegt habe (nach dem Pizzaessen). Und es war die beste Entscheidung.

Generell hatte ich abends manchmal weniger Energie für soziale Kontakte, auch in Form von Telefonaten (hallo, Introversion!). Jetzt, wo es Herbst wird, klingt es auch zu verlockend, gemütliche Abende zuhause zu verbringen…

4. Ich habe weniger nachgedacht.

Wer 8 Stunden am Tag – oder sogar länger – an seinen Job denkt, der denkt nicht mehr so viel an andere Sachen. Klingt logisch, ist auch so. Vieles, was mich sonst den ganzen Tag beschäftigt hätte, habe ich einfach aus meinem Gehirn verbannt. Teilweise war das entspannend, denn mein Kopf fühlte sich zuvor nicht selten wie ein Rechner mit 1000 offenen Tabs kurz vor’m Absturz an. Teilweise war es auch irgendwie gruselig, sich nur noch morgens und abends mit seinem persönlichen Leben zu befassen, Dinge zu organisieren und Gedanken nachzuhängen.

Was habe ich in den ersten vier Wochen gelernt?

Ich wünschte, ich könnte jetzt ein cooles Fazit ziehen. So viel weiß ich: Es ist nicht so selbstverständlich, nach der Uni direkt eine Stelle zu finden. Und für Menschen mit Kindern, pflegebedürftigen Angehörigen oder mehreren Jobs ist das Arbeitsleben nochmal eine andere Nummer als für mich. Aber einen Vollzeitjob zu beginnen verändert das Leben so oder so. In jedem Fall braucht es mehr Organisation und auch etwas mehr Motivation, um nebenbei Dinge auf die Beine zu stellen. Und, wie meine Mutter schon immer so schön zu mir sagte: Du kannst nicht auf allen Hochzeiten gleichzeitig tanzen. Unsere Zeit ist begrenzt und um sie bestmöglich zu nutzen ist es wichtig, Prioritäten zu setzen.

Bildnachweis: unsplash.com/romanbozhko

9 Gedanken zu „Me vs. 40-Stunden-Woche“

  1. Danke für das Teilen!! Ich hatte eine gleiche Erfahrung und wusste gar nicht, wie ich das mit anderen teilen konnten – niemand hat darüber sprechen wollen. Im Job gelte zu glänzen und man solle sowieso dankbar sein, überhaupt einen klasse Job zu haben… Verstehe ich ja auch alles. Aber das Arbeitsleben ist so verdammt anders.
    Und ich spreche da auch nicht vom Studentenleben mit ständigen Partys und nichts zu tun. Im Gegenteil. Im Studium habe ich sogar sehr viel getan und wenig gefeiert. Aber ich konnte mir meine Zeit frei einteilen und konnte meine Energien richtig nutzen. Dann habe ich eben vormittags gelernt, war danach in der Stadt, um dann abends wieder zu lernen. Im Büro sitzt du 8 Stunden. Nichts mit freier Einteilung von der Zeit und den eigenen Energiereserven. Ich habe mich selbst gar nicht wiedererkannt, saß abends alleine auf meiner Couch und wollte von niemanden mehr etwas wissen. Eigentlich schockierend, oder?

    Aber du sagst es: Es geht wohl um unser Zeitmanagement, wie wir mit der wenigen Zeit trotzdem viele unserer Wünsche erfüllen können. Wobei ich mich auch davon verabschieden musste, dass ich alle meine Hobbys ausführen kann. Das geht schlichtweg nicht, wenn ich erst um sieben oder acht zu Hause bin und morgens um 6 Uhr aus dem Haus muss.
    Jetzt mache ich doch noch mein Master – vielleicht eine kleine Flucht aus dem Arbeitsleben, bevor es dann erneut richtig los geht 😉

    Ganz liebe Grüße und dir noch alles Gute im Job!
    Janne von LYREBIRD ❤

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    1. Liebe Janne,
      danke für deinen Kommentar! 🙂
      Ich finde auch, dass die Arbeitswelt da einiges an Nachholbedarf hat und dass 9 to 5 einfach nicht immer und nicht für jede*n Sinn macht. Vielleicht wird sich da ja in nächster Zeit etwas ändern. Die Gefahr ist natürlich immer, dass Arbeitszeit und Freizeit komplett „vermischt“ werden, das hatte ich im Studium teilweise auch.

      Du hast auch recht damit, dass man nicht alle Hobbys ausführen kann. Ich hab‘ auch total viele Interessen und würde immer am liebsten alles auf einmal machen. 😀

      Viel Erfolg bei deinem Master! 🙂 Ich plane auch schon wieder eine – etwas größere Flucht – in Form einer Promotion…

      Liebe Grüße, Helen

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      1. Die Vermischung ist wirklich ein Problem – zumindest für einige. Das Abschalten fällt dann noch schwerer. Geht mir im Studium ja auch schon so: Projektgruppen sind am Wochenende oder spätabends und dann träume ich nachts noch davon 😀

        Aber irgendwie werden wir schon unseren Weg finden. Und dein Weg mit der Promotion wird bestimmt ein ganz spannender sein!

        Herzliche Grüße
        Janne

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  2. Liebe Helen, du hast sooo recht, nach dem Studium, Ausbildung ist die Erwartung von (gefühlt) JEDEM das man jetzt so richtig in das Arbeitsleben starten muss. Es erwartet einem eine totale Prioritäten Verschiebung und gestresst zu sein ist auf einmal total okay. Burnout zu haben wird gleichgesetzt mit Feiß, was für eine verrückte Welt. Bei mir hat es leider viel zu lange gedauert, bis ich mich „getraut“ hab aus dem Hamsterrad 40+h Woche auszubrechen. Wie dein Titel es sagt,es war für mich Utopisch. Manchmal werden Utopische Gedanken die besten 🙂

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    1. Danke für deinen netten Kommentar! 🙂 Und Glückwunsch, dass es für dich geklappt hat, deine Utopie wahr werden zu lassen! Darf ich, nur aus Neugier, fragen, was du beruflich machst? 🙂
      Liebe Grüße, Helen

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