Gedanken, Psyche

Face in the Crowd

Wie spät ist es? Blicke auf den Kalender, auf die Menschen um mich, die so schnell wachsen oder wieder in sich zusammenfallen. So spät schon? Schon fast zu spät.

Je später es wird, desto mehr steigt die Unruhe. Und die Unruhe führt zur Rotation um die eigene Achse. Und die führt zu – Stillstand. Und so stehe ich still und weiß nicht wohin mit mir. Suche und finde billige, einfache Ablenkung. Halte die Gedankenspirale für einen Moment an.

Das Internet lächelt milde und bietet mir – als wüsste es nicht um dessen Wirkung – sein Vergleichsmaterial feil. Lebensläufe hoch und runter, Abschlüsse, große und kleine Lieben. Erfolge, Erfolge, Erfolge. Wer hat noch nicht, wer will nochmal?

Und da ist sie wieder, die berüchtigte Angst, die mich manchmal packt. Die Angst, etwas zu verpassen, die Angst, nicht gut genug zu sein, zu faul, zu sehr Mittelmaß. Nie das Unternehmen gegründet zu haben oder das Buch geschrieben, nicht an den besten Unis studiert zu haben, keine zehntausend Follower auf Instagram, nicht die Welt verändert, keine Leben gerettet, nur dabeigewesen und zugeschaut. Ein Gesicht von vielen auf der Tribüne, ein Gesicht, das in der Masse untergeht.

Dabei wollte ich doch immer, ganz bestimmt, es war doch so viel Zeit, bis es auf einmal so furchtbar spät wurde und ich so müde. Ich hatte große Pläne, wollte so sehr alles sein, dass nichts genug Raum hatte. Wollte schreiben, reisen, leiten, forschen, lieben, tja, aber ich hab’s nicht gemacht, hab lieber auf bunte Bilder gestarrt, die doch ach so motivierend sein sollten.

Und wenn mich dann das schlechte Gewissen packt, weiß ich, hey, so funktioniert leben nicht. Leben ist aktiv und ich, ich bin passiv. Ich konsumiere Scheinwelten in der Hoffnung, etwas von all der Farbe in mich aufzunehmen. Obwohl ich eigentlich selber malen kann, es nur nie tue. Malen, und schreiben, und forschen. Etwas erschaffen, das vielleicht nicht Weltklasse ist, das höchstwahrscheinlich Frustrationspotential birgt. Etwas, das aus meinem Inneren stammt und das ich mit der Welt teile. Ich kann das. Wenn ich’s nur mache.

Bildnachweis: sl wong via unsplash.com

2 Gedanken zu „Face in the Crowd“

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