Gedanken, Psyche

Gastbeitrag: Was fehlt

Ich binde mir die Schuhe, suche mir ein Paar Handschuhe, vielleicht setze ich noch eine Mütze auf und begebe mich raus in die Kälte. Laufen gehen ist in diesen Tagen eine der wenigen sinnvollen Beschäftigungen, der man abseits von Arbeit und Einkaufen außerhalb der Wohnung nachgehen kann. Ich laufe los, spüre die Kälte, bin fast schon in meinem üblichen Trott und denke über die Belanglosigkeit unserer Zeit nach, da höre ich wie Partymusik aus einem vorbeifahrenden Auto dröhnt. Und plötzlich wieder: Flashback!

Flashback zu einem der unzähligen Nachmittage an Karneval, als man zusammenstand und leicht angeheitert den Umzug erwartet hat, während um einen herum aus diversen Boxen Karnevalsmusik dröhnte. Und vielleicht auch die Erinnerung an Karnevalspartys in stickigen, viel zu engen Kneipen und ein gemeinsames „Su lang mer noch am lääve sin“ beim zehnten Kölsch, Arm in Arm und wer tanzt denn da neben mir? Kenne ich nicht, ist aber auch egal, wir sind alle zum Feiern hier und genießen den Abend…

Ach nein, es ist Januar 2021 und ich bin draußen und gehe laufen. Ich wohne die meiste Zeit alleine und die letzte echte Party, auf der ich war, ist bald 12 Monate her. Es ist einer von den vielen Flashbacks, die ich momentan habe, wenn eine Kleinigkeit mich an die Zeit erinnert, als alles noch „normal“ war. Ein lustiges Video von einer Party, ein Partysong aus meiner Jugend, ein Bild von einem Konzert. Und schon fühle ich eine tiefe Sehnsucht nach etwas, von dem ich gar nie wusste, dass ich es irgendwann einmal vermissen könnte. Ein Gefühl von Freiheit, von Unbedachtheit und von Ausgelassenheit klopft in meinem Kopf an und bleibt doch nur die sanfte Schneeflocke, die beim Auftreffen auf die Realität sofort wieder wegschmilzt. Ein Gefühl, das seit bald 12 Monaten nur noch ein Schatten seiner selbst ist.

Aber was war denn vor 12 Monaten so anders? Was ist es eigentlich, das wir „normal“ nennen? In Zeiten von Corona ist es eben irgendwie alles das, was man „vor“ Corona einfach so gemacht hat, ohne wirklich drüber nachzudenken. Aber wann ist es denn wieder normal? Der Twitter-Satiriker EL HOTZO bringt es in einem seiner vielen süffisanten Tweets für mich auf den Punkt, indem er eben feststellt, dass wir gar nicht wirklich wissen, wann das sein soll. Es gibt eine vage Hoffnung in uns drin, ein dünnes Feuer, das noch brennt und von den vielen Erlebnissen zehrt, die wir vor Corona hatten.

Wir leben von einem Tag in den nächsten und verbringen die Tage damit, von einem Raum in den nächsten zu gehen und gehen abwechselnd Schlafen, Essen, Arbeiten und Einkaufen. Und doch wissen wir, dass die Pandemie wohl irgendwann vorüber sein wird. Irgendwann wird der Zeitpunkt kommen, wo der Lockdown komplett vorbei ist, wo kaum jemand noch eine Maske trägt, wo Christian Drosten keinen Podcast mehr aufnimmt. Und irgendwie ist das wohl der Silberstreif am Horizont, der uns durchhalten lässt.

Aber was nehme ich mit? Was habe ich gelernt? Ich, der ich an der Trägheit, in die die Pandemie mich zwingt, zu ersticken drohe? Je länger ich darüber nachdenke, desto einfacher und kitschiger wird es. Es ist die Erkenntnis, wie wertvoll das Leben doch ist, welches wir vor Corona geführt haben. Wie wertvoll menschliche Begegnungen sind. Wie toll es ist, aus voller Lunge auf einem Konzert sein Lieblingslied mitzugrölen oder sich auf einem Festival dem Pogo hinzugeben.

Feiern gehen ist für mich nicht Betäuben der Qualen, die Arbeit und Verantwortlichkeiten mit sich bringen, sondern es ist im Grunde das Leben selbst. Was fehlt sind die Begegnungen mit Fremden, das beherzte in den Arm nehmen der Familie, das spontane Gespräch mit einem guten Freund. Es ist das Gefühl, welches in letzter Zeit immer wieder anklopft, wenn ich an alte Zeiten erinnert werde.

Ich komme vom Laufen zurück, ziehe die Schuhe aus und beschließe, dass ich fortan nicht mehr einfach nur durchs Leben rennen will. Wenn Corona mich eines gelehrt hat, dann wie wertvoll jeder einzelne Moment doch im Endeffekt ist. Und ich will nicht mehr zurück in die Zeit vor Corona, nein, ich will in die Zeit nach Corona. Ich will neue Erinnerungen schaffen, von denen ich zukünftig zehren kann. 

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Dieser Beitrag kommt von meinem (im positivsten Sinne!) unvergleichlichen Freund Patrick. Seine Gefühle bezüglich der aktuellen Situation kann ich – wie wahrscheinlich viele – uneingeschränkt nachempfinden.

Bildnachweis: Maurício Mascaro via pexels.com

4 Gedanken zu „Gastbeitrag: Was fehlt“

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