Gedanken, Gesellschaft

Astro-logisch? Warum wir in den Sternen nach Antworten suchen

Ich bin bin relativ faul, aber arbeite zugleich effektiv. Denn die Sonne stand während meiner Geburt im Zeichen des Stiers. Wegen meines Aszendenten, Krebs, verhalte ich mich meist sozial. Merkur und Venus in Zwillinge hingegen sorgen für Geselligkeit, eine schnelle Auffassungsgabe und eine gewisse Rastlosigkeit.

Echt jetzt?

Obwohl ich mich als Realistin beschreiben würde, muss ich sagen, dass alles „Übernatürliche“ auf mich eine gewisse Anziehung hat. Vielen geht es derzeit genauso. Zu schwierigen Entscheidungen werden Tarotkarten und Pendel befragt, Konzepte wie Human Design oder eben Astrologie liefern Möglichkeiten zur Selbstreflexion – und sollen den Zustand der Welt erklären. Diese Erklärungsmöglichkeiten nehmen jüngere Generationen heute nur zu gerne an. Liegt das an den wachsenden Unsicherheiten unserer Zeit? Oder ist doch was dran an der Bedeutung von Sonnenzeichen und Co.?

Astrologie als Ersatzreligion?

Die Zeiten ändern sich – rasend schnell. Globalisierung und technologische Neuerungen machen das Leben einfacher und zugleich komplexer und unverständlicher. Es fehlt an Halt und Beständigkeit. Wo früher Kirche oder Kaiser den Glauben und „die Wahrheit“ vorgaben, herrscht heute eine Leere, die vielen zu schaffen macht. In der Welt am Sonntag schreibt Nico Späth: „In dem Maße, wie die Gottesgläubigkeit sinkt, steigt die Nachfrage nach Ersatzreligionen.“

Nur noch 10 Prozent der Deutschen gehen 2020 zumindest einmal im Monat in die Kirche. Horoskope hingegen erfreuen sich wachsender Beliebtheit in allen Alters- und Bildungsschichten, insbesondere aber bei Frauen. Sie schaffen eine vermeintliche Sicherheit und vermitteln – wie Religion auch – das Gefühl, Teil eines größeren Ganzen, eines göttlichen Plans zu sein. Die Annahme, dass esoterische Konzepte in Zeiten der Unsicherheit als Ersatzreligion dienen, liegt nicht fern. Esoterik-Experte Kai Funkschmidt beschreibt Esoterik als „Ausdruck des Autoritätsverlusts von großen Institutionen und großen Erzählungen“.

Esoterik: Ein Geschäft, das sich lohnt

Geistheilungen, Kristalle und Rückführungen in vergangene Leben boomen und der Markt zieht mit: In Deutschland werden mit esoterischen Angeboten jährlich Milliarden umgesetzt. Spirituelle Dienstleistungsangebote schießen in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden. Ganze Produktlinien drehen sich um das Übernatürliche. Als Reaktion auf die steigende Nachfrage durchaus zu erwarten – und Interessent*innen greifen begeistert zu. „Ein sehr konsumorientierter Spiritualitätsvollzug“, wie Religionswissenschaftler Hartmut Zinser betont.

Ich gestehe: Auch ich habe bereits mit dem Gedanken gespielt, eine astrologische Beratung zu buchen. Zwei Bücher zu diesem Thema habe ich mir ebenfalls zugelegt – aber nie komplett durchgelesen. Ich bin nicht die einzige: Mittlerweile machen Bücher mit spirituellen Inhalten ca. 15 bis 20 Prozent des deutschen Buchmarktes aus. Wissenschaftlich belegbar sind Zusammenhänge zwischen Sternzeichen und Persönlichkeitsmerkmalen allerdings nicht.

Der Boom der Persönlichkeitsentwicklung

Generell scheint in den letzten Jahren eine verstärkte Beschäftigung mit der eigenen Person bemerkbar zu werden. Die fehlende Sicherheit im Außen resultiert in einer Orientierung nach innen. Anstatt zur Suche nach einer universellen Wahrheit tragen esoterische Konzepte wie Tarot oder Astrologie nun zur Selbstreflexion und -optimierung bei. Solange ersteres überwiegt, ist das nicht nur negativ zu bewerten. Uns selbst besser kennenzulernen – physisch wie psychisch – kann unglaublich hilfreich sein.

Marina Grujic beschreibt für ze.tt, weshalb Horoskope für sie einen Mehrwert haben: Indem sie vor allem (angebliche) negative Eigenschaften ihres Sternzeichens reflektiert, lernt sie, sich in bestimmten Situationen selbst objektiver zu betrachten und ihr Verhalten gegebenenfalls zu ändern. Kein schlechter Ansatz. Doch die Kehrseite ist nicht weit: Realitätsflucht oder eine Überhöhung des eigenen Selbst. Problematisch wird die spirituelle Selbstanalyse auch, wo sie medizinischen Erkenntnissen widerspricht oder negative Gedankenspiralen auslöst.

„Sie sind tendenziell eher selbstkritisch.“

Doch Horoskope können dem Ego durchaus auch schmeicheln. Sie betonen unsere Stärken und Fähigkeiten. Kein Wunder, dass sie so beliebt sind: Wir alle fühlen uns gerne wichtig und verstanden, insbesondere in einer Welt, die uns vor allem anhand unserer Arbeitskraft beurteilt. Wie kommt es, dass astrologische Aussagen häufig als so zutreffend empfunden werden?

Ein psychologisches Phänomen sorgt dafür, dass viele Menschen sich in ihrem Horoskop wiedererkennen. Der Barnum-Effekt – benannt nach dem Betreiber eines Kuriositätenkabinetts – bezeichnet die menschliche Neigung, vage und allgemeine Aussagen als zutreffend zu bewerten. Entscheidend ist dabei, dass die getroffenen Aussagen nicht falsifizierbar sind und ein subjektives Element beinhalten: beispielsweise Worte wie „Risiko“ oder „Unsicherheit“. Nachgewiesen wurde dieser Effekt in verschiedenen Experimenten. Der Psychologe Marcel Gauquelin offerierte beispielsweise personalisierte Gratis-Horoskope in einer Zeitschrift, die 90 Prozent der Empfänger*innen als sehr zutreffend beschrieben. Tatsächlich hatten alle das gleiche psychologische Portrait erhalten, das auf den Geburtsdaten des französischen Serienmörders Marcel Petiot basierte.

Whoops, sorry, ich bin halt Schütze

Die Vereinfachungen, die Horoskope bieten, werden nicht nur zur Selbstreflexion verwendet. Häufig dienen sie auch der Erklärung negativer Eigenschaften. „Ich bin Stier, deswegen bin ich etwas aufbrausend“, „dass ich so verplant bin, liegt an meinem Sternzeichen“, solche Statements sind weit verbreitet. Ob wir nun daran glauben oder nicht: Mit dem Aberglauben zu kokettieren liegt im Trend.

Letztendlich können die Sterne zu mehr Selbstreflexion verleiten – oder dazu genutzt werden, sich aus der Verantwortung zu ziehen. Wie wir das Konzept Astrologie nutzen, liegt, wie so vieles, in unserer Hand. Hier lautet für mich die Devise: Einfach mal über den eigenen Tellerrand schauen, ohne sich in den Sternen zu verlieren – oder ein Vermögen für personalisierte Horoskope hinzublättern.

Bildnachweis: Farzad Mohsenvand via unsplash.com

4 Gedanken zu „Astro-logisch? Warum wir in den Sternen nach Antworten suchen“

  1. Echte Geburtshoroskope sind alles andere als pur schmeichelhaft. Auch spiegeln sie immer nur Optionen, Anlagen wieder, niemals Schicksal. Auch ich habe ein gutes, mittlerweile schon altes Buch zu dem Thema. Nachdem ich genügend genickt und den Kopf geschüttelt habe, klappte ich das Buch zu und beschloss, zu leben. Mit Gottvertrauen.

    Liebe Grüße, Reiner

    Gefällt 2 Personen

    1. Ja, stimmt. Ich empfinde generell das Gefühl, dass ich mit meiner Persönlichkeit (oder meinen Anlagen) erkannt oder gesehen werde, als positiv, auch, wenn die einzelnen Aspekte zum Teil nicht schmeichelhaft sind.

      Das klingt nach einen guten Entschluss. 😀
      Danke für deinen Input.

      Liebe Grüße, Helen

      Gefällt 2 Personen

  2. Ich hatte eine teils sehr spirituelle Erziehung seitens meiner Mutter, bevor das Ganze geboomt hat (so vor 10 Jahren ungefähr). Ich habe oft Kristalle getragen, Rückführungen gemacht oder Karten gelegt. Man wurde belächelt, dass man meditiert und sich mit vergangenen Leben beschäftigt hat. Ich habe es in der Schule geheim gehalten, dass mich Orte, an denen Schlimmes geschehen ist, nicht nur emotional, sondern sogar physisch so belastet haben, dass ich manchmal fast ohnmächtig geworden bin.
    Ein paar Jahre später und einiges sehe ich immer noch so, einiges sehe ich kritischer. Auch meine Mutter war zum Glück nie so fanatisch esoterisch, dass sie die Realität nicht mehr gesehen hat, sondern hat alles konstant hinterfragt. Viele der damaligen Bücher oder Praktiken sieht sie jetzt rationaler, wissenschaftlicher und kritischer. Ich muss zugeben, mich irritiert es, dass so viele spirituelle/esoterische Dinge zu einem Trend mutiert sind. Vieles, besonders, was Richtung Religion (Hinduismus oder Buddhismus) geht, ist kein Trend, sondern eben eine Religion. Da hat dann jede*r eine eigene Meinung zu, aber Religionen sollten so oder so kein Trend sein, finde ich. Das ist zum einen respektlos gegenüber tatsächlichen Anhänger*innen, kann zum anderen aber auch gefährlich werden, wenn man den Boden unter den Füßen verliert. Und in diese Riege fällt auch Astrologie, denke ich. Es gibt leider überall schwarze Schafe. Was Horoskope angeht, würde ich jetzt nicht denen aus der „Bravo“ oder der „Gala“ vertrauen. 😀 Aber es gibt einige, die diese Lesart gut beherrschen und innerhalb der Astrologie gibt es ja schon sowas wie eine Logik, wenn auch nicht wissenschaftlich fundiert. Bei manchen Problemen oder wenn man einige Aspekte von sich selbst nicht versteht, kann die Astrologie bestimmt ein paar Lücken füllen.

    Liebe Grüße
    Alina

    Gefällt 1 Person

    1. Wow, vielen Dank für deinen persönlichen und spannenden Kommentar! Ich kann das nachvollziehen, dass es dich irritiert, dass Spiritualität/Religion zum Teil Trends geworden sind. Irgendwie hat es ja auch etwas Schönes, dass man sich ohne Zwang in verschiedene Richtungen informieren kann. Dabei sollte natürlich wirklich der Respekt vor Anhänger*innen der jeweiligen Religion nicht verlorengehen. Ich denke Glauben in welcher Art auch immer kann auch viel Halt geben und Menschen verbinden. Und ich glaube auch wirklich, dass Astrologie, Tarot etc. gute Möglichkeiten bieten können, sich selbst mehr zu hinterfragen und besser kennenzulernen. Ich hoffe ich habe das nicht zu negativ dargestellt. Wie du sagst, man sollte solche Dinge (wie eigentlich alles, schätze ich mal) schon immer auch kritisch hinterfragen, aber wenn jemanden Horoskope persönlich weiterbringen, will ich die Letzte sein, die da etwas gegen hat. Außerdem bin ich schon auch immer der Meinung, dass die aktuelle Wissenschaft ihre Grenzen hat. Man muss nur mal bedenken, auf welchem Stand wir vor 100 oder 200 Jahren waren, wie viele aber trotzdem die absolute Deutungshoheit für sich beansprucht haben. Ich finde es nur gesellschaftlich gesehen interessant, dass dieses Thema momentan so viel Aufwind bekommt. Und ich hoffe natürlich, dass die „schwarzen Schafe“ nicht zu viel Zulauf finden.

      Liebe Grüße zurück,
      Helen

      Gefällt 1 Person

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