Gedanken, Psyche

Die Planer und die Planlosen

Kannst du die Frage, wo du dich in fünf oder zehn Jahren siehst, beantworten? Weißt du genau, wo du hinwillst und verfolgst dieses Ziel mit Leidenschaft? Herzlichen Glückwunsch! Oder eher herzliches Beileid?

Ich glaube es gibt, vereinfacht gesagt, zwei Arten von Menschen: die, die ihre Zukunft planen und die, die alles auf sich zukommen lassen. Erstere stecken sich Ziele: sie möchten erfolgreiche Autor*innen oder Anwält*innen werden, sich selbstständig machen, auswandern oder eine Familie gründen. Vielleicht auch alles auf einmal, hey, warum nicht. Letztere können sich nicht festlegen oder wissen einfach noch nicht, wohin das Leben sie führt. Sie lassen sich Zeit und sie lassen sich treiben. Es wird sich schon alles ergeben.

Ganz ohne Zweifel gehöre ich, wie viele gute Freund*innen von mir, zu den „Planlosen“. Wer mich nach meiner persönlichen Zukunftsvision fragt, erntet nur Rumgestammel unter aufgerissenen Augen. Äh, vielleicht etwas im juristischen Bereich, vielleicht nicht, vielleicht Familie, auswandern, schreiben, hm, oder etwas ganz anderes. Ich meine, nie hätte ich mir ausgemalt, da zu sein, wo ich jetzt bin. Vielleicht auch, weil ich mich nicht um eine solche Vorstellung bemüht habe. Trotzdem bin ich jetzt gerade zufrieden. Auch, wenn ich manchmal doch an meiner Planlosigkeit zu knabbern habe.

Zukunftspläne können etwas ganz Wunderbares sein. Sie bieten Orientierung, wecken im besten Fall Vorfreude und Motivation. Ab und an beneide ich die Planer und Planerinnen um diese Antriebskraft. Auch für manch eine Karriere scheint eine längerfristige Planung unerlässlich zu sein: Schließlich arbeiten viele Menschen jahrelang auf einen bestimmten Posten hin. Da kommt bei mir schon mal die Befürchtung auf, dass ich mir durch meine Planlosigkeit bestimmte Wege verbauen könnte. Ich möchte kein Spielball eines wie auch immer gearteten Schicksals sein, mich nicht der Lethargie hingeben. Aber einen vorgedachten Weg verfolgen, das kann ich auch nicht. Ein wenig bestätigt hat mich da ein Instagram-Beitrag von Autorin und Bloggerin Angela Doe: Auf die Frage nach einem Ziel antwortete sie „Ich habe keine Ziele (…) – die schränken mich gefühlt nur ein. Bin gerne ziel- und planlos, so fühl ich mich frei.“

Sich frei zu fühlen ist mir ebenfalls wichtig. Schließlich kann es auch entscheiden Nachteile haben, sich zu sehr auf einen Plan zu versteifen. Mit 28 ein Haus bauen, mit 29 heiraten und mit 30 das erste Kind kriegen wollen und dann grätscht etwas dazwischen? Wer sich im Vorhinein zu sehr festlegt, verliert womöglich an Leichtigkeit und Flexibilität, zwei weitere Begriffe, die ich ganz groß schreibe. Was nicht heißt, dass ich Entscheidungen ewig aus dem Weg gehen kann. Getroffen werden diese nämlich so oder so.

Aber ich muss sie nicht allzu weit im Voraus angehen, muss jetzt noch nicht zwangsläufig wissen, wo ich in drei Jahren stehe. Auch, wenn mich so ein Ansatz bei Bewerbungsgesprächen eher mal in die Bredouille bringen kann. Letztendlich gibt es kein richtig und kein falsch. Es gibt nur den eigenen, individuellen Weg. Und meiner verläuft eben (noch?) relativ intuitiv und ohne festgestecktes Ziel. Und deiner?

Bildnachweis: Markus Winkler via unsplash.com

6 Gedanken zu „Die Planer und die Planlosen“

  1. Ich glaube, Lebenspläne oder Visionen haben sehr viel mit dem jeweiligen Lebensalter zu tun. Mit meinen Plänen, sofern überhaupt vorhanden gewesen, bin ich zumindest in Teilen grandios gescheitert. Dafür haben sich mir andere Möglichkeiten eröffnet, Richtungen offenbart, denen ich heute intuitiv versuche, zu folgen, ohne mich sklavisch an einen wie auch immer gearteten Plan zu ketten.

    Guten Morgen dir & Grüße, Reiner

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    1. Ja, das stimmt total. Ich glaube ich bin gerade in einem Alter, wo viele mit dem Planen so richtig loslegen. Aber vielleicht hören sie dann, so wie du, später wieder auf. 😀 Sehr spannend auf jeden Fall, was du zu berichten hast.

      Grüße zurück in den Nachmittag,
      Helen

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  2. Liebe Helen, ich schätze Deine Gedankenansätze und Deine offene und ehrliche Schreibweise sehr. Dankeschön für diesen tollen Beitrag!

    Ich kann die heutige Planlosigkeit der Gesellschaft nachvollziehen. Es gibt wenig Handlungsdruck weil die Herausforderungen in der Ferne schwer greifbar scheinen. Währenddessen gibt man sich dem Konsumrausch hin und hängt im täglichen Strudel der Beschäftigungen und Möglichkeiten fest. Warum sollte man seine Comfortzone verlassen?

    Es sind die äußeren Umstände, die einen wesentlichen Einfluss ausüben. Diese bieten aber auch Chancen.

    Was auch immer für ein Handlungstyp ist, ich denke es ist wichtig das zu akzeptieren, was man hat bzw wer man ist.

    Herzlichst, Sovely

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    1. Liebe Sovely,

      vielen Dank für deinen tollen Kommentar – und danke für das Kompliment! 🙂

      Ich denke in den letzten Jahrzehnten hat sich vieles so stark gewandelt, dass man von den Möglichkeiten oft überfordert ist, sich andererseits aber (z.B. im Job) auch gar nicht mehr auf Dauer festlegen muss oder vielleicht sogar kann.

      Und deinen letzten Satz würde ich so unterschreiben. 🙂

      Liebe Grüße,
      Helen

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