Gedanken, Persönliches

Ein langgehegter Traum

Die Flut an Informationen, die aus verschiedenen Bildschirmen auf mich einströmt, deckt sich nicht mit meinem Empfinden. Viel passiert da draußen, aber ich sehe es nicht. Ich bin hier, in meinem Kokon, seit über einem Jahr. Vorsichtig dosierte Kontakte, vermehrte Rückzüge ins Elternhaus, freundliche Gesichter auf ebendiesen Bildschirmen. Die immer gleichen Wege. Alles gut, zum Glück, welch ein Privileg. Aber doch alles so wahnsinnig, wahnsinnig gedämpft.

Dabei bewege ich mich auch, bin in diesem halbherzigen Dauerlockdown bereits (zweimal) umgezogen. Und denke ehrlich gesagt schon wieder ans Weglaufen, aber weiß, dass mich woanders kaum mehr erwartet. Dass ich nicht mal wirklich angefangen habe, hier anzukommen. Also bleibe ich und warte ab. Vertreibe mir die Zeit mit Büchern, ein paar vagen Träumen und vor allem mit Arbeit.

Außerdem höre ich Musik, insbesondere spanischsprachige. Und die weckt weitere Träume, solche, die ich schon lange geträumt habe, eine Zeit lang unter Auswendiggelerntem und Alltagsproblemen verschüttet. Aber sie sind noch immer präsent, klopfen stetig an und monieren – zu recht – die unverschämte Missachtung.

Seit ich 18 bin, vielleicht noch länger, träume ich von Südamerika. Von Berglandschaften und vom Dschungel, von bunten Städten und verschlafenen Dörfern. Von spannenden Begegnungen, langen Wanderungen, selbst von unbequemen Busreisen. Davon, zu erkunden und zu entdecken. In der jetzigen Zeit, in der so wenig passiert, steigere ich mich geradezu in diese Phantasien hinein. Ich lerne fleißig Spanisch und erzähle allen, ob sie es wissen wollen oder nicht, von meinem gescheiterten Plan.

Eigentlich wollte ich gerne nach dem Abi diesen mir unbekannten Kontinent bereisen. Alleine, weil ich das am liebsten mag. Spanischkenntnisse? Nada. Die Familie war not amused. Also schnappte ich mir meinen Rucksack und tourte stattdessen durch Spanien, Portugal und Marokko. Dann eben während oder nach dem Studium. Südamerika läuft mir ja nicht weg.

Ein Auslandssemester also, das wäre doch was, das Schöne mit dem Nützlichen verbinden. Für Juristinnen war das Angebot aber ziemlich beschränkt. Es umfasste exakt zwei Universitäten außerhalb Europas – in den USA und in China. Ich wählte letztere. Anschließend versank ich, als es auf das Examen zuging, erstmal in Büchern.

2019: Das Studium war endlich geschafft, der Traum von Südamerika noch da, die Spanischkenntnisse minimal verbessert. Sollte ich jetzt losziehen? Lieber erstmal einen Master an das Examen hängen, wer weiß, ob ich später noch die Vorlesungssaal-Bank drücken möchte. Danach aber, danach kann mich nichts mehr aufhalten. Außer… eine Pandemie vielleicht. Tja.

Und jetzt sitze ich auf dem Balkon, nähere mich langsam aber stetig der 30, und träume immer noch. Wenn es wieder geht. Wenn ich hier fertig bin. Dann bin ich weg. Es wird anders sein, als es mit 18 gewesen wäre. Aber ich will es noch immer unbedingt.

Bildnachweis: Guille Álvarez via unsplash.com

8 Gedanken zu „Ein langgehegter Traum“

  1. Ich wünsche dir, dass du dir deinen Traum, wenn er dich schon so lange begleitet, irgendwann erfüllen kannst. Oder dass du herausfindest, wofür er steht und wie du dir die Sehnsüchte/Wünsche eventuell auch auf andere Weise erfüllen kannst.

    Ein sehr schöner Text übrigens.

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    1. Vielen Dank! Und ein guter Impuls, ich glaube es geht mir dabei viel um Freiheit und um’s Loslassen (eine Zeit quasi ohne Verpflichtungen) und Entdecken. Da kann ich definitiv auch so mal dran arbeiten. 🙂

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  2. Liebe Helen, Deine Worte sind so gut nachzuempfinden… Und ich bin mir sicher, Du wirst Deinen Traum leben, denn es kommen auch wieder andere Tage! Und wenn es dieser eine nicht ist, weil es eventuell einfach nicht mehr stimmig ist, dann gibt es zum Glück noch so viele andere wunderschön schillernde Sterne, nach denen man greifen sollte. Ich sende Dir alles Liebe, Sovely

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    1. Liebe Sovely, danke für deine netten Worte! 🙂 Das stimmt, auch Träume können sich ändern oder weiterentwickeln.
      Dir auch alles Liebe und einen schönen Sonntag,
      Helen

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