Gedanken, Gesellschaft

internalisierter Kapitalismus, Baby

Ich bin gerne produktiv. Aufgaben abzuhaken gibt mir ein unglaublich positives Gefühl. Ich mag es, fleißig zu sein, möchte alles möglichst gut erledigen und arbeite eigentlich immer an irgendeinem größeren oder kleineren Projekt.

Aber ab und an fällt es mir schwer, zu pausieren, auch, wenn ich gerne möchte. Und ich weiß, dass ich da nicht die Einzige bin. Dass auch andere Menschen sich schon mal einen leichten Infekt herbeigewünscht haben, um endlich einen Grund zum Ausruhen zu haben. Manchmal frage ich mich, warum mir das Abschalten und Nichtstun so schwer fällt. Ist das einfach meine Art? Oder sind es die äußeren Umstände, die mich so umtriebig machen? Möchte ich gerade arbeiten? Oder habe ich nur das Gefühl, dass ich es tun muss – für den Lebenslauf, gegen das schlechte Gewissen?

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Gedanken

Ausbalancieren || Balancing

Ausbalancieren

7. Work-Life-Balance, wie ist die Gewichtung in Deinem Leben? Bzw. was bedeutet das für Dich konkret?

Helen:

„Letztens habe ich ein Zitat gelesen, das in etwa besagt, dass das Wort „Work-Life-Balance“ die Arbeit schon aus dem Leben exkludiert. So, als gäbe es neben dem schönen, freien Leben einen Teil des Daseins, der keinen Spaß machen darf oder kann. 

Nach dem ersten Einblick ins Arbeitsleben bin ich noch auf der Suche nach etwas, was mir Sinn gibt. Generell ist es für mich essentiell, Zeit zu haben, um das Leben zu genießen. Das kann ich vor allem dann tun, wenn ich Aktivitäten nachgehe, die mir Energie geben. Im letzten Jahr habe ich gelernt, besser auf meinen Körper zu hören und zu erkennen, was ich gerade brauche. Es ist mir also wichtig, grundsätzlich gut mit meiner Energie zu haushalten, was mir als kleinem Workaholic nicht immer leicht fällt. Ich glaube, dass ich das kapitalistische System und den gesellschaftlichen Leistungsdruck – wie die meisten – in dieser Hinsicht stark internalisiert habe und mein Handeln in jedem Fall laufend hinterfragen sollte. Die knappen zwei Jahre, in denen ich mich auf das erste juristische Staatsexamen vorbereitet habe, haben mich in dieser Hinsicht schon sehr geprägt.

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Gedanken, Psyche

Multitasking nervt

Eigentlich mache ich nicht gerne mehrere Dinge auf einmal. Trotzdem tue ich es andauernd: Ich putze Zähne und schaue Netflix, mache Sprachnachrichten, während ich einkaufen gehe, lese drei Bücher parallel. Ich checke minütlich meine Mails, während ich Sachen für die Uni erledige, weil ja immer etwas Wichtiges dabei sein könnte. Meine Gedanken sind ein buntes Wirrwarr aus to-dos und want-to-dos.  Ein Denkarium, in dem ich sie eine Zeit lang ablegen kann, ist mein größter Wunsch. Weiterlesen „Multitasking nervt“

Gedanken, Psyche

Bist du ein Scanner?

Zu Schulzeiten war ich mir sicher, dass ich mit 25 genau wissen würde, wohin mein beruflicher Weg mich führt. Ich dachte, dass ich, nachdem ich ein wenig Arbeitserfahrung gesammelt habe, einfach wissen würde: Das ist es. Das will ich für den Rest meines Lebens machen, das ist genau mein Ding.
Mittlerweile habe ich realisiert, dass die Idee, einen einzigen Job für den Rest seines Lebens zu haben wohl nicht mehr so zeitgemäß ist. Aber dennoch weiß ich im Moment nicht einmal, was ich in den nächsten Jahren machen möchte. Es fällt mir einfach schwer mich zu entscheiden. Nun weiß ich, dass es heutzutage mehr verschiedene Jobmöglichkeiten denn je gibt, was die Situation nicht gerade einfacher macht. Aber scheinbar ist das nicht mein einziges Problem. Weiterlesen „Bist du ein Scanner?“

Gedanken, Psyche

etwas Sinnvolles tun.

Die letzten Wochen und Monate war ich sehr produktiv.

Auch, wenn dieser Blog das nicht vermuten lässt, habe ich viel „geschafft“: Ich habe mein erstes juristisches Staatsexamen mit Prädikat bestanden, drei weitere Klausuren geschrieben, ich war regelmäßig laufen, um für meinen ersten Marathon zu trainieren und habe nebenbei in einer Boulderhalle gearbeitet. Ich habe jeden Tag frisch gekocht, habe Wäsche gewaschen, gestaubsaugt, aufgeräumt, was im Haushalt eben so anfällt. Ich habe mir auch am Wochenende keinen Tag freigenommen. Klar habe ich auch mal prokrastiniert, aber wenn ich etwas tat, außer zu lernen, musste schon etwas Sinnvolles sein, etwas, was ich erledigte. Ein Punkt auf der to-do-Liste, der abgehakt werden konnte.
Wenn zwischendurch Zeit für Treffen mit Freunden oder Ähnliches war, dann immer mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass ich aber gleich weiterlernen müsse, dass meine Zeit begrenzt sei. So richtig frei fühlte ich mich nicht.

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Gedanken, Psyche

Keine Zeit, Baby

Tausende Dinge, die wir gerne tun würden, ein Grund, sie nicht zu tun: keine Zeit.

Keine Zeit, um sich neben 40+-Stunden-Woche ehrenamtlich zu engagieren, ein neues Hobby anzufangen, die Großeltern zu besuchen oder den Keller auszumisten.
Irgendwie kommen wir mit der Zeit, die wir haben, gerade so über die Runden, sind da ja auch noch die zeitraubenden alltäglichen Kleinigkeiten, die erledigt werden müssen; außerdem die Pausen, die wir uns nehmen und auch nehmen müssen, um nicht durchzudrehen: die seltenen Abende auf dem Sofa, Sonntagnachmittage im Café. Davon, dass diese Pausen wichtig sind, bin ich überzeugt. Am Ende der Rechnung steht fest: das knappe Zeitkontingent ist aufgebraucht, mehr geht nicht.

Ist das so?

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Gedanken, Psyche

Sonntagsdepression

„Wenn ich am Wochenende abends weggehe, bin ich am nächsten Tag immer so unglücklich, ich weiß auch nicht…“
– „Joa, Sonntagsdepression, ne?!“

Von dieser Symptomatik, die mir mit solcher Selbstverständlichkeit entgegengeschleudert wurde, hatte ich zuvor noch nie etwas gehört. Doch da ich auch bei Google zu dieser Wortschöpfung über 2.000 Ergebnisse fand, scheint das Problem bekannt und irgendwie weiter verbreitet zu sein, als gedacht. Sonntags ist man halt deprimiert. Das ist ja auch kein Wunder, schließlich geht es montags wieder zur ungeliebten Arbeitsstelle, in der Schule Zeit absitzen oder sich den Kopf mit unnützem Wissen vollhauen. Es besteht also Grund genug, in eine mittelschwere Depression zu verfallen.

Davon abgesehen, dass eine Depression nicht mit einem Tag voller schlechter Laune gleichzusetzen ist, finde ich dieses „Konzept“ der Deprimiertheit vor dem Beginn einer neuen Woche selbst und den gesellschaftlichen Konsens, der dazu besteht, ziemlich beängstigend. Natürlich ist es schön frei zu haben und nicht jeder hat das Glück, seinen Traumjob auszuüben, schon klar. Aber sich nur auf das kurzzeitige (berauschte) Verdrängen der Arbeitswoche zu freuen und sich ein ein Siebtel seiner Lebenszeit für’s deprimierte Rumliegen aufzuheben scheint mir für ein glückliches Leben nicht besonders förderlich.

Bei mir selbst tritt das Problem tatsächlich nur nach dem ein oder anderen Glas zu viel auf. Nach oberflächlichem Googeln stellt sich mir die Erklärung in etwa so dar: Alkohol besetzt die Plätze an den Rezeptoren im Gehirn, wo sonst die Botenstoffe Serotonin und Dopamin andocken. Dadurch kommt es zunächst zu einem Überschuss an diesen Botenstoffen im Gehirn. Mit dem Alkoholabbau werden vermehrt wieder Rezeptoren frei, die von den Botenstoffen besetzt werden, so tritt ein Mangel an diesen im Gehirn ein. Gut, das ergibt irgendwie Sinn.

Anscheinend ist die Sonntagsdepression aber nicht nur an den Kater nach der Partynacht geknüpft; generell blicken wir der nächsten Woche eher skeptisch entgegen. Montage sind wohl einfach nicht so toll. Oder ist es das Leben insgesamt nicht?
Ich denke eigentlich wissen wir alle, dass der Montag, der uns nun auch noch den Sonntag versaut, nicht besser oder schlechter ist als jeder andere Tag. Es kommt wie immer darauf an, was wir daraus machen. Vor allem ist es doch wirklich schade, sich auch die Zeit, in der man machen kann, was man möchte, noch mit Gedanken an die Arbeit zu vermiesen.

Mir selbst fällt das Abschalten nach einem langen Lerntag auch ziemlich schwer, umso wichtiger finde ich es, sich einen kompletten Tag Pause zu gönnen; einen Tag, an dem man sich Zeit für Dinge nimmt, die man gerne macht und möglichst keinen einzigen Gedanken an das verschwendet, was einen runterzieht. Das könnte ja der Sonntag sein, aber auch nur dann, wenn man sich keinen akuten Mangel an Glückshormonen angetrunken hat. Am schönsten ist es doch, gemütlich auszuschlafen und danach Energie für Unternehmungen zu haben, die über Netflix und Pizza bestellen hinausgehen.
Wenn der Unmut über den nahenden Montag trotzdem noch im Kopf umherschwirrt, könnte man sich für diesen Tag ja auch etwas Schönes vornehmen, auch, wenn es nur eine Kleinigkeit ist. Und für Dienstag und Mittwoch ebenso. Dann muss man sonntags zur Abwechslung mal weder wegen der samstäglichen Partynacht noch wegen des neuen Wochenbeginns deprimiert sein. 🙂