Gedanken

Von Misogynie bis Missbrauch

Erst war ich fassungslos, dann traurig, jetzt bin ich wütend. Ich bin wütend darüber, dass sexistische Kommentare und körperliche Belästigungen so allgegenwärtig sind, dass sie für viele zur Normalität geworden sind. Ich bin wütend darüber, dass Frauen, in der Öffentlichkeit oder im Privaten, ständig über ihr Äußeres definiert werden; darüber, dass ein „nein“ so oft nicht ernstgenommen wird; über die Steine, die ihnen in mancherlei Hinsicht in den Weg gelegt werden. Sexismus, so tief in unserer Gesellschaft verankert, von klein auf erlernt, durch Stereotype genährt.

Mehr als die Hälfte der Frauen in Deutschland wurde schon einmal sexuell belästigt. In der Realität dürften es noch mehr sein, denn Vieles bewegt sich im Graubereich: vermeintliche Komplimente, anzügliche Blicke und unerwünschte Nachrichten. Doch auch dabei handelt es sich um sexuelle Belästigung, denn die Grenzen liegen da, wo wir sie setzen.
Manches Verhalten überschreitet solche Grenzen bei Weitem. Sexueller Missbrauch und Vergewaltigungen sind vielleicht die Spitze des Eisbergs. Darunter eine Masse an sexistischen und übergriffigen Verhaltensweisen, nicht wenige davon gesellschaftlich toleriert. Komm schon, war doch nur Spaß, stell dich nicht so an. Dann geh‘ halt nicht feiern.

Welche Frau kennt es nicht, das Gefühl der Angst, alleine im Dunklen nach Hause zu laufen. Den Schlüssel oder das Pfefferspray fest umklammert, ständig auf der Hut. Blicke zurück – ist da jemand hinter mir – oder ein Sprint zur Haustür, mit zitternden Fingern den Schlüssel im Schloss herumdrehen.

Auch Männer werden Opfer von Missbrauch, wenn auch statistisch gesehen weitaus seltener. Die vorherrschenden Rollenbilder machen es jedoch umso schwieriger für sie, ihre Stimme zu erheben.

Gerechtigkeit für Missbrauch oder Belästigung zu erfahren: extrem schwierig. Taten werden selten angezeigt, Verfahren meist eingestellt, oft steht es Aussage gegen Aussage. Gegen die Täter vorzugehen kostet Zeit, Nerven und häufig auch Geld. Mitunter geben sich Opfer eine Mitschuld, machen sich Vorwürfe, hätte ich nur das und das (nicht) getan. Das Verurteilen von Opfern, die Frage „Was hast du getragen?“, es muss aufhören. Wir müssen anfangen, den Kleinsten Respekt und Gleichberechtigung nahezubringen; wir müssen Grenzen ziehen, Belästigungen nicht als Kindereien abtun. Und wir müssen Opfern die Scham nehmen.

Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, scheinen alle ihre Rechte abgegeben zu haben, bewertbare Objekte zu sein: zu dick, zu hässlich, zu dünn. Würde sie trotzdem nehmen. Was die wohl gemacht hat, um so erfolgreich zu sein… Internationale Politiker und andere bekannte Persönlichkeiten geben dabei respektlos den Ton an.
Wann fangen wir endlich an, die Leistungen und Fähigkeiten von Frauen in den Mittelpunkt zu stellen? Wieso sprechen wir denjenigen, die unserem Schönheitsideal entsprechen, ihre Kompetenzen ab?

Ich wünsche mir mehr gegenseitigen Respekt und gleiche Chancen für alle. Ich wünsche mir, dass keine Frau mehr Angst haben muss, wenn sie nachts alleine nach Hause läuft. Aber der Wunsch allein reicht nicht aus. Wir müssen handeln. Wir alle gemeinsam beeinflussen die gesellschaftlichen Normen, dadurch, wie wir unsere Kinder erziehen, durch das Zu- oder Weghören, durch unsere Worte und unseren Einsatz für andere. Wir sollten Sexismus entschieden entgegentreten, Vorurteilen keinen Raum lassen, uns für Gerechtigkeit aussprechen, im Großen und im Kleinen, zum Wohle aller.

4 Gedanken zu „Von Misogynie bis Missbrauch“

  1. Danke für den Beitrag. Ich als Kerl muss aber auch sagen, dass mich gerade der von dir beschriebene Graubereich sehr verunsichert. Manches Verhalten war schon immer tabu und bleibt tabu, nennen wir es hier einfach mal „schwarz“. Dann wann wäre doch das „weiß“ die absolute Enthaltsamkeit (Sprachlich, Körperlich, Gedanklich). Wir Menschen würden zu emotionslosen Objekten werden. Dazwischen liegt all das „Grau“, zu dem jeder eine andere Auffassung bezüglich der Grenzen hat und erwartet, dass der Gegenüber davon weiß. Schwierig. Was tun?

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    1. Hi, ja ich verstehe das Problem :D. Ich finde alles, was der anderen Person unangenehm ist, sollte man am besten bleiben lassen. Auch klar, dass man das nicht immer weiß und keine Gedanken lesen kann, aber da gibt es auch wieder Verhalten, dass irgendwie offensichtlicher unangemessen ist (Leuten auf der Straße irgendwas hinterherschreien, alles Körperliche, was „aus dem Nichts“ kommt, einfach solche Sachen, die man egal, wie man es dreht und wendet nicht als netten Flirtversuch interpretieren kann). Ich glaube, dass das den Leuten dann meistens auch schon bewusst ist, wenn etwas nicht beiderseitig ist. Ich denke es kommt auch auf die Situation an (tags, nachts, allein, unter Menschen, beim Feiern…) und man muss da ein bisschen Einfühlungsvermögen entwickeln. Andererseits sollte man natürlich noch Gefühle zeigen und Menschen ansprechen dürfen. Ich hab‘ leider keine gute Antwort, wenn das möglich ist, sollte man meiner Meinung nach lieber einen Schritt nach dem anderen machen und versuchen abzuchecken, wie das so aufgenommen wird. 😀
      Ich geb‘ dir recht, ist nicht so einfach, aber ich glaube die Leute, an die ich hierbei dachte, fragen sich nicht wirklich, ob etwas angemessen ist oder nicht oder wie es der anderen Person dabei geht. (Selbst wenn es nur Blicke oder Kommentare sind, finde ich es gibt einen deutlichen Unterschied zwischen „ich versuche nett, jemanden kennenzulernen“ und „ich hau‘ jetzt einfach irgendwas (Respektloses?) raus und wie das ankommt ist mir egal“.)

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  2. Liebe Helen, und mal wieder ein wundervoller Post! Ich habe heute deine Nominierung zum Awesome Blogger Award veröffentlicht. Vielleicht willst Du ja mal vorbeischauen? Ganz liebe Grüße, Leni

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