Gedanken, Psyche

Weniger ich

Es gab Zeiten, da waren nur die Tage gute Tage, an denen die Waage weniger zeigte als am Vortag. Es gab Zeiten, in denen mein Hunger der Feind war, den es zu überlisten oder niederzuringen galt. Und für eine Weile errung ich jeden Tag einen Teilsieg. Ich feierte den Triumph des Geistes über den Körper. Rannte immer weiter, ohne je ein Ziel erreichen zu können. Kämpfte weiter, gegen mich selbst.

Wie das eben so ist, irgendwann merkt das Umfeld, dass da etwas vor sich geht. Und häufig, viel zu häufig, wird applaudiert: so diszipliniert, so sportlich, so schlank.

Vielleicht schlägt die Stimmung teilweise um. Zu dünn, zu knochig, alles in Ordnung? Aber daneben noch immer: so zierlich, so schön, wie machst du das nur.

Die einfache Antwort: Ich esse wenig. Nicht nichts, aber nicht genug für einen Körper im Wachstum, für einen Körper mit funktionierendem Reproduktionssystem, einen, der so viele Kilometer durch den Wald joggt. Möglichst wenig zu essen fühlte sich an wie ein Gewinn. Und mit jeder Mahlzeit, die ich nicht gegessen habe, wurde ich weniger ich: weniger lebenslustig, weniger geduldig, weniger konzentriert. Weniger kreativ, weil alle Gedanken nur ums Essen und Nicht-Essen kreisten. Weniger sozial, um keine Ausreden vorbringen zu müssen, warum Glas und Teller leer bleiben.

Zwischen einem gesunden Essverhalten und einer ausgewachsenen Essstörung existieren viele Graustufen. Vielleicht wollte ich nur ein bisschen in Form kommen. Vielleicht bin ich aber auch dem leichten, leeren Gefühl verfallen. Vielleicht habe ich das Abnehmen als Challenge gesehen, als Wettkampf, bei dem es doch am Ende keine Gewinnerin gibt. Vielleicht sah ich in jeder Mahlzeit, in jedem Lebensmittel nur Kalorien. Kalorien, die es nicht zu konsumieren galt – oder zur Not wieder abzutrainieren.

Heute bin ich nicht mehr da, wo ich vor ein paar Jahren war. Ich bin wieder mehr ich, habe hingeschaut, habe selbstauferlegte Verbote gebrochen. Habe enorm an Lebensqualität gewonnen, kann wieder freier denken und unbeschwerter lachen. Traue mich wieder, meinem Körper zu vertrauen.

Oft bin ich sauer und traurig darüber, wie viel Zeit ich damit verschwendet habe, mich kleiner zu machen. Ich bin wütend auf mich selbst. Aber auch auf eine Gesellschaft, für die Disziplin scheinbar alles ist und die Gesundheit so stark von Äußerlichkeiten abhängig macht. Eine Gesellschaft, in der kranke Menschen noch wegen ihres Gewichtsverlusts beglückwünscht werden. Ich kann es nicht mehr hören.

Manchmal fällt es mir schwer zu formulieren, was ich von anderen in Hinsicht auf meinen Körper erwarte. Zumindest das weiß ich: Ich will, dass alle wissen, was Worte bewirken können – und seien sie noch so gut gemeint. Und was die Worte anrichten, die mit Sicherheit nicht gut gemeint sind. Ich will nicht, dass mein Körper, mein funktionsfähiger Körper, um den sich niemand ernsthaft Sorgen machen muss, Gegenstand von Debatten ist. Ich wünsche mir, dass kein Körper das sein muss. Dass sie einfach nur sein können, so schön und nützlich und unterschiedlich wie Körper eben sind.

Bildnachweis: Lisa Fotios über pexels.com

2 Gedanken zu „Weniger ich“

  1. Liebe Helen,
    ah, du schreibst manchmal diese Texte, zu denen ich einfach nur JA! schreien möchte…
    Vielen Dank für deine Offenheit hinsichtlich deiner Erfahrungen. Ich kann mich da, wenn auch auf andere Weise nur anschließen. Mich hat es in der Vergangenheit auch so unter Druck gesetzt (und tut es immer noch), dass die innere Gesundheit anscheinend nur anhand des Äußeren gemessen werden kann. Ich bin sehr froh, dass du diesen Text mit uns geteilt hast!

    Liebe, ermutigte Grüße
    Alina

    Gefällt mir

    1. Liebe Alina,
      danke für deinen tollen Kommentar. ♡
      Ich hoffe wirklich, dass da langsam ein Umdenken stattfindet und wir alle in der Hinsicht weniger unter Druck gesetzt werden…
      Alles Liebe und schöne Feiertage dir!

      Gefällt 1 Person

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