Gedanken, Psyche

Wer ich niemals sein werde

Als ich ein Kind war, war alles möglich. Ich konnte auf die Frage „Was willst du später mal werden?“ ohne mit der Wimper zu zucken heute „Eisverkäuferin“ und morgen „Astronautin“ antworten. Ich hätte eine junge Mutter werden können, Profisportlerin oder sogar beides. Manches davon war realistischer als anderes, aber alles im Rahmen des Möglichen, was definitiv auch an dem Privileg liegt, ohne finanzielle Sorgen und mit Zugang zu guten Bildungseinrichtungen aufgewachsen zu sein.

Mit der Zeit scheinen mehr und mehr dieser verschiedenen Alternativen wegzufallen. Damit möchte ich ganz bestimmt nicht sagen, dass ab Mitte zwanzig der Lebensweg in Stein gemeißelt ist. Ich bin der festen Überzeugung, dass eine Veränderung der Lebensumstände immer möglich ist und jeder sehnlich erwünschte berufliche Neustart mit fünfzig erhält meine uneingeschränkte Unterstützung.
Dennoch werde ich wohl nicht mehr die jüngste Firmengründerin meiner Stadt werden. Ich werde nicht die sein, die für immer mit ihrer Jugendliebe zusammengeblieben ist und nicht die, die nach dem Abitur nach Costa Rica ausgewandert ist.

Weil ich ein Mensch bin, der im Leben am liebsten alles einmal ausprobieren möchte, ertappe ich mich manchmal dabei, wie ich diesen scheinbar verlorenen Lebenskonzepten hinterhertrauere. Am liebsten hätte ich zwanzig weitere Leben, in denen ich Philosophie studieren und eine Farm gründen, schauspielern und Flugzeuge fliegen könnte. Doch ich erinnere mich selbst immer wieder daran, dass jeder in seinem Leben Entscheidungen treffen muss. Und vor allem auch daran, dass ich Vieles niemals sein werde, weil ich es gar nicht sein will. Weil es mir nicht wichtig genug ist, als dass ich dafür andere Chancen über Bord werfen würde. Weil ich das Gefühl einer solchen Erfahrung gerne erlebt hätte, die Erfahrung selbst aber nicht für mich bestimmt war. Weil meine Zeit und meine Kapazitäten nicht unbegrenzt sind.

Wenn du dein Leben lang einen Traum hegst und diesen aus Angst vor Zurückweisung oder vor dem Scheitern in eine Truhe unter deinem Bett sperrst, dann möchte ich dich ermutigen, die Truhe zu öffnen, den Traum eingehend zu betrachten, mit anderen zu teilen und ihm so gut es eben geht zu folgen. Wenn du, wie ich, gerne tausend Leben leben würdest, aber dein jetziges nicht viel Grund zum Klagen liefert, bleibt dir nur, deine bisherigen Entscheidungen zu akzeptieren und dir deine Neugier für die Zukunft zu bewahren.

Wir können aus früheren Entscheidungen lernen und uns stets neu orientieren, wenn wir die zahlreichen Abzweigungen nicht übersehen, die unser Lebensweg bietet. Und nebenbei lässt sich im Kleinen immer noch sehr gut mit verschiedenen Alternativen und Lebenskonzepten experimentieren.

4 Gedanken zu „Wer ich niemals sein werde“

  1. Liebe Helen, ich LIEBE deine Art zu schreiben so sehr. Wie immer war ich nach der Überschrift gespannt zu lesen, worum es sich in deinem neusten Beitrag handelt. Mir geht es da wie Dir: Obwohl ich mit all meinen Entscheidungen im Reinen bin, komme ich manchmal nicht umhin, mir auszumalen, was passiert wäre, hätte ich doch nur…
    Angeblich treffen wir Menschen ja am Tag bis zu 20.000 Entscheidungen (viele davon natürlich unbewusst). Über diese Verkettung an Entscheidungen und Auswirkungen auf das Leben nachzudenken kann einen manchmal regelrecht schwindelig machen, oder? Umso wichtiger finde ich auch deine abschließenden Gedanken, dass es nie zu spät dafür ist, noch mal etwas zu ändern oder sich neu zu erfinden. Auch wenn die Jugendliebe oder das Haus in Costa Rica oder bei mir jüngste Bestsellerautorin nicht mehr klappt. 😀 😀

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    1. Liebe Johanna, vielen, vielen Dank für deinen Kommentar! Ich kann das Kompliment nur zurückgeben. Als ich deinen letzten Blogbeitrag gelesen habe, hab‘ ich mir auch nochmal gedacht, dass du wirklich schön schreibst und es einfach Spaß macht, deine Texte zu lesen. 🙂
      Ja, bei den ganzen was-wäre-wenn Gedanken kann einem echt schwindelig werden. Ich hab‘ ab und zu einfach ein kleines Problem damit, zu akzeptieren, dass ich nicht alles machen und erleben kann. 😀
      Auch, wenn die jüngste Bestsellerautorin zu werden nicht mehr drin ist, drücke ich dir die Daumen, dass es mit dem Bestseller klappt. 😀

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      1. Ich danke Dir liebe Helen für das große Kompliment. 🙂
        Ja, mir gehts ganz genauso: Meistens fühlt sich das schon gut an, wie und was man so macht – und dann gibt es Tage, da will man alles hinschmeißen und was ganz Verrücktes, Besonderes machen. Ist vermutlich ganz normal, aber es macht großen Spaß, über solche Themen auf deinem Blog zu lesen. 🙂

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