Gedanken, Psyche

Sonntagsdepression

„Wenn ich am Wochenende abends weggehe, bin ich am nächsten Tag immer so unglücklich, ich weiß auch nicht…“
– „Joa, Sonntagsdepression, ne?!“

Von dieser Symptomatik, die mir mit solcher Selbstverständlichkeit entgegengeschleudert wurde, hatte ich zuvor noch nie etwas gehört. Doch da ich auch bei Google zu dieser Wortschöpfung über 2.000 Ergebnisse fand, scheint das Problem bekannt und irgendwie weiter verbreitet zu sein, als gedacht. Sonntags ist man halt deprimiert. Das ist ja auch kein Wunder, schließlich geht es montags wieder zur ungeliebten Arbeitsstelle, in der Schule Zeit absitzen oder sich den Kopf mit unnützem Wissen vollhauen. Es besteht also Grund genug, in eine mittelschwere Depression zu verfallen.

Davon abgesehen, dass eine Depression nicht mit einem Tag voller schlechter Laune gleichzusetzen ist, finde ich dieses „Konzept“ der Deprimiertheit vor dem Beginn einer neuen Woche selbst und den gesellschaftlichen Konsens, der dazu besteht, ziemlich beängstigend. Natürlich ist es schön frei zu haben und nicht jeder hat das Glück, seinen Traumjob auszuüben, schon klar. Aber sich nur auf das kurzzeitige (berauschte) Verdrängen der Arbeitswoche zu freuen und sich ein ein Siebtel seiner Lebenszeit für’s deprimierte Rumliegen aufzuheben scheint mir für ein glückliches Leben nicht besonders förderlich.

Bei mir selbst tritt das Problem tatsächlich nur nach dem ein oder anderen Glas zu viel auf. Nach oberflächlichem Googeln stellt sich mir die Erklärung in etwa so dar: Alkohol besetzt die Plätze an den Rezeptoren im Gehirn, wo sonst die Botenstoffe Serotonin und Dopamin andocken. Dadurch kommt es zunächst zu einem Überschuss an diesen Botenstoffen im Gehirn. Mit dem Alkoholabbau werden vermehrt wieder Rezeptoren frei, die von den Botenstoffen besetzt werden, so tritt ein Mangel an diesen im Gehirn ein. Gut, das ergibt irgendwie Sinn.

Anscheinend ist die Sonntagsdepression aber nicht nur an den Kater nach der Partynacht geknüpft; generell blicken wir der nächsten Woche eher skeptisch entgegen. Montage sind wohl einfach nicht so toll. Oder ist es das Leben insgesamt nicht?
Ich denke eigentlich wissen wir alle, dass der Montag, der uns nun auch noch den Sonntag versaut, nicht besser oder schlechter ist als jeder andere Tag. Es kommt wie immer darauf an, was wir daraus machen. Vor allem ist es doch wirklich schade, sich auch die Zeit, in der man machen kann, was man möchte, noch mit Gedanken an die Arbeit zu vermiesen.

Mir selbst fällt das Abschalten nach einem langen Lerntag auch ziemlich schwer, umso wichtiger finde ich es, sich einen kompletten Tag Pause zu gönnen; einen Tag, an dem man sich Zeit für Dinge nimmt, die man gerne macht und möglichst keinen einzigen Gedanken an das verschwendet, was einen runterzieht. Das könnte ja der Sonntag sein, aber auch nur dann, wenn man sich keinen akuten Mangel an Glückshormonen angetrunken hat. Am schönsten ist es doch, gemütlich auszuschlafen und danach Energie für Unternehmungen zu haben, die über Netflix und Pizza bestellen hinausgehen.
Wenn der Unmut über den nahenden Montag trotzdem noch im Kopf umherschwirrt, könnte man sich für diesen Tag ja auch etwas Schönes vornehmen, auch, wenn es nur eine Kleinigkeit ist. Und für Dienstag und Mittwoch ebenso. Dann muss man sonntags zur Abwechslung mal weder wegen der samstäglichen Partynacht noch wegen des neuen Wochenbeginns deprimiert sein. 🙂

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